Kinder begegnen Literatur – Studierende begegnen Kindern
Di Jeanette Hoffmann
Die Literaturbegegnungen greifen aktuelle literaturdidaktische Ansätze zum Vorlesen, Erzählen, Gestalten und Schreiben zu Bilder-, Kinder- und Sachbüchern auf, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert sind. Diese umfassen den gesamten deutschen Sprachraum sowie Übersetzungen aus anderen Sprachen. Dadurch werden gemeinsame, grenzüberschreitende literarische Erfahrungen und Verbindungen auf sprachlich-kultureller Ebene ermöglicht.
Die Begegnungen Ende Mai fanden im ChiLiLab (KinderLiteraturWerkstatt) statt, einem von neun EduSpaces der Fakultät für Bildungswissenschaften der unibz. Das ChiLiLab wird von Prof.in Jeanette Hoffmann geleitet. Das Team aus Dozentinnen und Studentinnen ist mehrsprachig (Deutsch, Italienisch, Ladinisch) zusammengesetzt. Im Fokus standen die lesenden, hörenden, sprechenden und schreibenden Kinder. Diese begegneten multimodaler, intermedialer und multilingualer Literatur. Im Sinne des Werkstattgedankens setzten sie sich erzählend, schreibend, druckend, stanzend, inszenierend, gestaltend und zeichnend mit ihr auseinander. Für die Studierenden war es ein Begegnungs-, Imaginations-, Erprobungs- und Reflexionsraum an der Universität, der zu ihrer literaturdidaktischen und -pädagogischen Professionalisierung beiträgt.
Erste Praxiserfahrungen mit Kindern
Das Seminarkonzept Kinderliteraturbegegnungen wurde ausgehend von den Didaktischen Forschungswerkstätten der TU Dresden entwickelt. Im Laboratorium Kinderliteratur der deutschsprachigen Abteilung des Masterstudiengangs Bildungswissenschaften für den Primarbereich bereiteten Studierende zu ausgewählten Nominierungen literaturdidaktische Arrangements in Form von Literaturbegegnungen vor. Diese erprobten sie zunächst mit ihren Mitstudierenden im Laboratorium und anschließend mit einer Kindergruppe, die zu Besuch an die Universität kam. Ihre Beobachtungen sprachlich-literarisch-ästhetischer Erfahrungen der Kinder reflektierten die Studierenden im Schreiben von Vignetten, literarischen Textformen, in denen sie die individuelle Wahrnehmung und das Erleben eines einzelnen Kindes einzufangen versuchten.
Im Laboratorium des Dozenten Andreas Hapkemeyer haben in diesem Jahr Studierende Literaturbegegnungen zu sechs Büchern gestaltet, eines davon war "Regentag" von Jens Rassmus, das 2025 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Es erzählt ohne Worte die Geschichte eines Regentags, der von zwei Kindern auf ganz eigene Weise erlebt wird und sie im Spiel auf fantastische Reisen gehen lässt. Erzählt wird auf der realen Ebene in schwarz-weißen Umrisszeichnungen der Figuren im Zusammenspiel mit farbigen, flächigen Acrylbildern, welche die imaginäre Ebene des Spiels ausdrücken.
Geschichten erlebbar machen
Die Literaturbegegnung fand heuer mit einer jahrgangsübergreifenden Grundschulklasse statt. Zu Beginn stimmten die Studierenden eine Kindergruppe von drei Mädchen des fünften Jahrgangs auf die Lektüre ein: „Wenn die Ameisen auf dem Körper hochkrabbeln, dann …?“ – Mädchen: „…kitzelt das.“ und stellten Bezüge zu ihrer Lebens- und Erfahrungswelt her: „Was macht ihr denn an einem Regentag?“, worauf die Kinder ihre Ideen in vorbereitete Regentropfen aus Papier schrieben: „lesen und chillen“, „spielen und basteln“, „in den Regen laufen“. Im Verlauf der Buchbegegnung wechselten ausgehend von den Bildsequenzen Erzähl-, Bildbetrachtungs-, Schreib- und Zeichenmomente mit leiblichen Zugängen im Sinne der „Embodied Education“ ab: Die Kinder schrieben Texte, in denen sie sich vorstellten, wie es wäre, wenn sie die Welt aus einer anderen Perspektive sehen würden (Wenn ich riesengroß wäre …/Wenn ich winzig klein wäre … „dann würde ich mich verstecken …“, „die Welt von unten sehen …“, „wissen, wie es ist, klein zu sein…“). Sie stellten sich gegenseitig pantomimisch Begriffe vor (wie Stuhl, Fahrrad, Frosch oder Fledermaus) oder entwarfen zeichnend Bildwelten mit Wasserfällen und Meereslandschaften mit Korallenriffen.
In einer Abschlussrunde kamen alle Kindergruppen im Kreis zusammen und erzählten sich gegenseitig, was sie literarisch erlebt haben: „Unser Buch heißt, Wir sind Weltklasse und das ist unsere Schachtel, da sind Sachen drin und dann haben wir uns ausgesucht, was wir machen ...“, „Wir haben das Buch Hallo Plankton! und da geht es darum, was alles Plankton ist …“, „Unser Buch ist Emma und der traurige Hund und wir haben aufgeschrieben, warum man traurig sein könnte und wie man wieder fröhlich werden kann …“. Dabei wurde der Bücherreigen noch einmal lebendig, die Kinder konnten die Bücherkisten und ihre Texte, Zeichnungen oder gestalteten Objekte den anderen präsentieren und gegenseitig teilhaben an ihren literarischen Erfahrungen.
Reflexion in Form der Vignette
Insgesamt wurde sichtbar, wie Kinder in Literaturbegegnungen an einem literarästhetischen Ort Vorstellungsräume betreten können. Schreibend, zeichnend, erzählend und pantomimisch brachten sie (vorgestellte) Erfahrungen zu Papier, kleideten sie in Worte oder Gesten, die Zeit- und Raumgrenzen überschritten. Darin zeigte sich ein verbindendes Element von Literatur zwischen Realität und Fiktion. Für die Wahrnehmung dieser Erfahrungsprozesse durch Studierende bedurfte es der anschließenden schreibenden Reflexion in Form der Vignette. Im Schreibprozess wurden so Erkenntnisse gewonnen. Die Vignetten wiederum machten die literaturdidaktischen Lernprozesse der Studierenden für die Weiterentwicklung des Seminarkonzepts zur Professionalisierung im Studium zugänglich.
Im Herbst (Mitte September bis Mitte Oktober 2026) werden die Bücherkisten der Studierenden zu ausgewählten nominierten Büchern in einer Ausstellung in Brixen im EduSpace ChiLiLab, in der Universitätsbibliothek und in der Stadtbibliothek zu sehen und zu erleben sein.
Persone nell’articolo: Jeanette Hoffmann, Andreas Hapkemeyer