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Freie Universität Bozen

Wissenschaft hautnah: Jugendliche aus Civitavecchia an der unibz

Erstmals wählten Schüler:innen außerhalb der Region die unibz für ein Orientierungspraktikum: Drei Jugendliche aus dem Latium forschten zwei Wochen an der Fakultät für Agrarwissenschaften.

Von Martina Hofer, Arturo Zilli

Neun Personen in weißen Laborkitteln stehen gemeinsam in einem modernen Labor vor Schränken mit Glaswaren und Labormaterialien.
v.l.: Sara Colombo und Elena Zanovello (Career Service) mit Atif Aziz Chowdhury, Francesca Marotta, Valerio Frau, Alessandra Vuolo, Leonardo Agostini, Liam Calicchio, Lorenzo Brusetti und Federica Piergiacomo Foto: unibz

Wie fühlt sich Forschung wirklich an? Liam Calicchio (17), Leonardo Agostini (17) und Alessandra Vuolo (18) aus Civitavecchia suchten die Antwort darauf nicht im Klassenzimmer ihrer Oberschule, dem „Istituto Superiore Stendhal – Calamatta“, sondern 600 Kilometer entfernt an der Freien Universität Bozen.

Um die 80 Oberschüler:innen aus Trentino Südtirol betreut der Career Service der unibz jährlich bei zweiwöchigen Orientierungspraktika an der Uni. Über das nationale Studien- und Berufsorientierungsprogramms (D.M.88) erhalten Oberschüler:innen damit Einblicke in Universität und Arbeitswelt. Dass dafür erstmals drei Jugendliche aus einer anderen Region Italiens nach Südtirol kommen, ist jedoch ein Novum – aber kein Zufall.

„An Bozen hat uns vor allem die starke Verbindung zwischen Universität, Forschung und Arbeitswelt beeindruckt“, erklärt dazu Prof. Valerio Frau. Der Oberschulprofessor für Mikrobiologie begleitete die drei Schüler:innen aus dem Latium gemeinsam mit seiner Kollegin Francesca Marotta nach Bozen.

Als Tutor und Organisator dieser Bildungsaktivität suchte er gezielt nach Einrichtungen, die Jugendlichen nicht nur theoretische Inhalte vermitteln, sondern konkrete Einblicke in mögliche Studien- und Berufswege ermöglichen. Und da überzeugte die unibz vor allem durch ihren praxisnahen Ansatz. „Hier bleibt Forschung nicht Selbstzweck, sondern hat konkrete Auswirkungen auf die Praxis und das Territorium“, sagt Frau und sieht darin einen wichtigen Unterschied zu vielen klassischen Bildungserfahrungen. „Die fehlende Verbindung zwischen Schule, Universität und Arbeitswelt ist einer der größten Schwachpunkte unseres Bildungssystems. Wenn diese Welten getrennt bleiben, fällt Orientierung schwerer.“

Person im weißen Laborkittel und mit Schutzbrille pipettiert eine Flüssigkeit in einem Labor; im Hintergrund steht eine weitere Person in Laborkleidung.
Zwischen Experimenten, Datenanalyse und Computerarbeit bekamen die Jugendlichen einen Eindruck davon, wie vielfältig wissenschaftliche Arbeit sein kann. Foto: unibz

Forschung an der unibz als echte Erfahrung

Für die Jugendlichen selbst bedeutete die Erfahrung an der unibz vor allem eines: eintauchen in eine Welt, die sie bislang so nicht kannten. „Am Anfang dachte ich, dass wissenschaftliche Forschung hauptsächlich aus Lernen und Informationssuche besteht“, erzählt Oberschüler Leonardo Agostini. „Während dieser Erfahrung habe ich verstanden, wie wichtig die praktische Arbeit ist und wie eng Theorie und Experimente zusammengehören.“

Besonders beeindruckt zeigte sich die Gruppe von der Präzision im Laboralltag der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften. „Im Vergleich zu Schullaboren muss man hier viel genauer arbeiten“, erzählt Liam Calicchio. „Man achtet extrem auf Sauberkeit, Sterilisation und genaue Abläufe. Erst dadurch werden Ergebnisse wirklich verlässlich.“ Mit nach Hause nahm der 17-Jährige auch die Erkenntnis, dass Forschung Chancen biete, die er vorher nie in Betracht gezogen hatte. „Außerdem hatte ich die Gelegenheit, Dinge zu lernen, die ich kaum selbstständig oder im normalen Schulunterricht hätte kennenlernen können.“

Auch die Dimension wissenschaftlicher Projekte überraschte die Jugendlichen. „Bisher habe ich geglaubt, viele wissenschaftliche Projekte wären eine kurze Dauer“, erzählt Oberschülerin Alessandra Vuolo. „Nun aber verstehe ich, dass oft jahrelange Arbeit, Experimente und Studien dahinterstecken. Es ist ein viel komplexerer Prozess, als ich es mir vorgestellt hatte.“

Ihr Tutor Prof. Frau beobachtete während des Aufenthalts in Bozen bei seinen Schüler:innen vor allem eines: echtes Interesse. „Sie kamen am Ende des Tages müde zurück – aber es war eine positive Müdigkeit“, erzählt er. „Sie diskutierten, stellten Fragen und versuchten ständig, Verbindungen zwischen Schule und Forschung herzustellen.“

Person im weißen Laborkittel und mit Schutzbrille pipettiert eine Flüssigkeit in einem Labor; im Hintergrund steht eine weitere Person in Laborkleidung.
Oberschülerin Alessandra Vuolo faszinierte die Arbeit im Labor. Foto: unibz

„Diese Erfahrungen helfen junge Menschen zu verstehen, was sie wirklich interessiert“

Dass die drei Jugendlichen aus dem Latium für zwei Wochen an die unibz kommen konnten, verdanken sie einer Finanzierung durch das italienische PNRR-Programm zu MINT-Fächern und Mehrsprachigkeit. Das Programm fördert Orientierungspraktika in In- und Ausland und ist nicht nur für junge Menschen nützlich, sondern biete auch Chancen für universitäre Einrichtungen, glaubt Lorenzo Brusetti, Forscher an der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen. Er hat das Praktikum gemeinsam mit den Forscher:innen Federica Piergiacomo und Atif Aziz Chowdhury betreut.

„Forschung wird oft als etwas wahrgenommen, das weit entfernt oder auf Labore beschränkt ist“, sagt er. Gerade deshalb sei es wichtig, die Universität noch weiter zu öffnen und jungen Menschen zu zeigen, was hinter wissenschaftlicher Arbeit stecke. „Wir sind nicht nur Universitätsdozierende“, so Brusetti. „Jeder von uns ist auch ein kleiner Unternehmer. Wir müssen Projekte entwickeln, Finanzierungen suchen, Personal ausbilden und Verantwortung übernehmen – und auch damit klarkommen, wenn Projekte scheitern oder Ergebnisse anders ausfallen als erwartet. Auch das ist die Realität.“

Weniger wichtig als die technischen Fähigkeiten, seien darum Neugier, Leidenschaft, Motivation und Ausdauer in diesem Beruf, betont Brusetti.  „In manchen privaten Forschungseinrichtungen ist es nicht einfach, einen Einblick in die tägliche Arbeit zu bekommen. Hier hingegen möchten wir jungen Menschen die Möglichkeit geben, die Welt der Forschung konkret kennenzulernen und ihren Wert zu verstehen.“

Und das haben die drei Jugendlichen aus dem Latium. Zwischen Experimenten, Datenanalyse und Computerarbeit bekamen sie einen guten Eindruck davon, wie vielfältig wissenschaftliche Arbeit sein kann. „Je nach Persönlichkeit entfalteten alle drei unterschiedliche Interessen und Kompetenzen“, betont Brusetti. Und genau diese Entwicklung sei eines der wichtigsten Ergebnisse der gesamten Initiative. „Selbst wenn jemand erkennt, dass Forschung nicht der richtige Weg ist, ist das trotzdem etwas Positives“, sagt er. „Solche Erfahrungen helfen jungen Menschen zu verstehen, wer sie sind und was sie wirklich interessiert.“

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