Keine Patentlösung für Europas Milchviehhaltung
Di Rosmarie Hagleitner
Die Zukunft der europäischen Milchviehhaltung entscheidet sich nicht allein im Stall, sondern auch in der Forschung. Klimawandel, steigende Produktionskosten, Tierwohl und instabile Märkte stellen landwirtschaftliche Betriebe vor große Herausforderungen. Wie sich ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anforderungen in der Milchviehhaltung miteinander vereinbaren lassen, untersucht ein internationales Forschungsteam im Projekt TEDY - Agroecological Transition of the European Dairy Farming System.
Im Rahmen des von der Europäischen Union kofinanzierten Projekts arbeiten 15 Partnerorganisationen aus elf Ländern gemeinsam daran, den agroökologischen Wandel der europäischen Milchviehhaltung voranzubringen. Das interdisziplinäre Konsortium vereint Fachwissen aus Agrar- und Sozialwissenschaften. Die beteiligten Länder repräsentieren rund 70 Prozent der europäischen Milchkühe und fast die Hälfte der Milchproduktion in der Europäischen Union. Nachhaltige Milchproduktion hängt nicht nur von Tierfutter, Zucht oder Emissionen ab, sondern ebenso von den Menschen, die den Wandel in ihren Betrieben tagtäglich umsetzen.
„Es gibt keine Patentlösung für Europas Milchviehhaltung. Was in einer Region funktioniert, lässt sich nicht einfach auf andere übertragen. Deshalb braucht es Strategien, die zu den natürlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort passen“, sagt Projektkoordinator Thomas Zanon, Forscher an der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen.
Den Ausgangspunkt bildet eine umfassende Analyse der Milchproduktion in den beteiligten Ländern. Sie zeigt die große Vielfalt der europäischen Milchviehhaltung hinsichtlich Betriebsgröße, Produktionsintensität, Milchleistung, Rassen und Bewirtschaftungsformen. Bereits die ersten Ergebnisse machen deutlich, wie unterschiedlich die Produktionssysteme sind – von kleinstrukturierten Bergbetrieben bis zu hochintensiven Milchregionen. Diese Heterogenität erschwert europaweit einheitliche politische Maßnahmen und macht deutlich, warum regionale Besonderheiten stärker berücksichtigt werden müssen. Auf dieser Grundlage entstehen länderspezifische Fallstudien, die den wissenschaftlichen Rahmen für die Entwicklung regional angepasster Lösungen bilden.
Auf dieser Grundlage werden gemeinsam mit Landwirtinnen und Landwirten, Bauernverbänden, Viehzuchtorganisationen und weiteren Akteuren regionale Lösungsansätze entwickelt. Besonders nachhaltige Betriebe übernehmen als TEDY Ambassadors eine Vorreiterrolle und zeigen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die Praxis übertragen lassen.
In Südtirol hat die praktische Arbeit bereits begonnen. Nach ersten Workshops mit regionalen Akteurinnen und Akteuren werden am Versuchsbetrieb in Dietenheim sowie auf ausgewählten Praxisbetrieben Methanemissionen mithilfe einer GreenFeed-Messstation auf tierindividueller Ebene erfasst. Untersucht werden unter anderem Fütterungsstrategien mit Nebenprodukten aus der Südtiroler Weinproduktion wie Trester sowie das Potenzial lokaler Zweinutzungsrassen wie Südtiroler Grauvieh und Fleckvieh zur Verringerung der Methanemissionen. Gleichzeitig befassen sich Projektpartner in anderen Ländern mit sozialen Fragestellungen wie dem Wohlergehen bäuerlicher Familien, der Rolle von Frauen in der Milchwirtschaft oder dem Konsumentenverhalten. Dieser interdisziplinäre Ansatz berücksichtigt ökologische und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen.
Das Projekt TEDY läuft noch bis Mai 2028. Weitere wissenschaftliche Ergebnisse werden im Laufe des Projekts sowie nach Projektabschluss veröffentlicht und sollen die Entwicklung regional angepasster Maßnahmen weiter unterstützen.
Langfristig will das Projekt wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlagen für Politik und Praxis schaffen. Diese sollen dazu beitragen, Lösungen zu entwickeln, die den unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten in Europa gerecht werden. Ziel sind standortangepasste Produktionssysteme, die Umwelt, Tierwohl und wirtschaftliche Tragfähigkeit gleichermaßen berücksichtigen und die Zukunft ländlicher Räume und ihrer Kulturlandschaften – insbesondere in Bergregionen – sichern. Für ihren Südtiroler Projektbeitrag „Klimafreundliche Alpine Milchwirtschaft“ im Rahmen von TEDY wurde die Freie Universität Bozen für den Südtiroler Umwelt- und Klimapreis nominiert.
Persone nell’articolo: Thomas Zanon