„Manchmal wurde ein Auge zugedrückt“
Di Martina Hofer
Der erste Sieg gegen Deutschland ist seit Dienstag in der Tasche. „Zufrieden?“ Alex Enderle lächelt schmal. „Zufrieden schon. Aber es wäre mehr drin gewesen.“ Der Eppaner steht seit über einer Woche für die italienische Para-Eishockey-Nationalmannschaft in Mailand auf dem Eis. Und auch wenn das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ eigentlich reichen müsste – schließlich gehört Italien zu den acht besten Para-Eishockey-Nationen der Welt – geht es für den 27-Jährigen doch um mehr. Dafür sei er zu ehrgeizig, sagt Enderle.
Seit er denken kann, verfolgt der Überetscher das Motto „Mehr ist mehr“. Davon ließ er sich auch nicht bremsen, als er im Juli 2015 nach einem Motorradunfall ein Bein verlor. Mit etlichen Nachprüfungen schaffte er die Matura, arbeitete später im Marketingbereich für Audi in Südtirol und entschied sich 2022 schließlich für ein Studium.
Zwischen Puck und Büchern
Auf der Suche nach einem Studiengang, der sich mit seinem intensiven Trainingsalltag vereinbaren ließ, wurde er an der Freien Universität Bozen fündig: Am Campus Brixen schrieb er sich für das Bachelorstudium „Communication and Culture“ ein. „Durch meinen Sport und die Mannschaft hier in Südtirol war ich ziemlich gebunden“, erzählt er. „Ich konnte nicht einfach weit wegziehen. Brixen war ideal – nah genug fürs Training und trotzdem Uni.“
Die Entscheidung fiel aber nicht nur aus praktischen Gründen. Wenn man Menschen erreichen wolle, müsse man verstehen, wie Kommunikation funktioniere, schildert Enderle den Grund, warum er Büroalltag gegen Hörsaal getauscht hat. „Klar hätte ich auch ohne Studium einen Job gefunden. Es war mir aber wichtig zu verstehen, welche psychologischen oder soziologischen Aspekte hinter Marketing stecken und welchen Einfluss Kommunikation auf Menschen hat. Heute bin ich sehr froh, dass ich mich für diese Ausbildung entschieden habe.“
Der Studienalltag hatte mit dem Klischee eines lockeren Studierendenlebens jedoch wenig zu tun. Vormittags Vorlesungen, nachmittags Training, abends Eiszeit. Zweimal Frühtraining pro Woche, zweimal Training am Abend, dazu Spiele am Wochenende – und einmal im Monat ein viertägiges Trainingslager. „Manchmal wurde schon ein Auge zugedrückt, wenn es um Anwesenheiten ging“, sagt er über die Organisation zwischen Universität und Leistungssport. „Aber die Leistung musste stimmen.“
Gerade weil er aus der Arbeitswelt an die Hochschule zurückgekehrt war, nahm der Quereinsteiger das Studium besonders ernst. „Ich wollte so schnell wie möglich wieder in den Job zurück“, sagt er. Entsprechend zielstrebig arbeitete er auf den Abschluss hin – den er im Oktober 2025 schließlich in der Tasche hatte. Ein Job ließ nicht lange auf sich warten. Seit drei Monaten arbeitet er nun im Bereich Hotelmarketing, bis jetzt mit reduzierter Arbeitszeit, um sich auf die Spiele „Milano Cortina“ vorzubereiten.
Anerkennung der Leistung
Für Enderle ist es die zweite Teilnahme bei Winter Paralympics, jedoch seine erste als Kommunikationsexperte. Dieses Wissen schärft seinen Blick auf den medialen Umgang mit dem eigenen Sport. „Hier in Mailand ist das Interesse groß, viele Schulkassen schauen uns zu, die Stimmung ist richtig gut“, sagt er. In den Medien aber gebe es nach wie vor große Unterschiede zu den Olympischen Spielen.
Was ihn stört, sei weniger die Quantität der Berichterstattung als die Perspektive. „Wir trainieren genauso hart wie reguläre Profisportler – oft sogar komplexer, weil neben dem Sport noch ein Beruf steht“, sagt er. Über einen Heldenstatus möchte er dennoch nichts lesen. Es gehe nicht um Mitgefühl, Aufmerksamkeit oder Follower, sagt Enderle, sondern um die Anerkennung der Leistung, im Sport, im Hörsaal wie auch im Leben.