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Libera Università di Bolzano

Lehrerin im zweiten Bildungsweg

Als Kind verteilte Natalie Rinner Hausaufgaben an ihre Cousinen. Mit 27 Jahren verstand die Diplompsychologin auch, warum. Sie schrieb sich an der unibz ein und lebt heute ihren Traumberuf.

Di Martina Hofer

Junge Frau in hellgrünem Hosenanzug und Abschlusskappe steht auf einer Wiese vor einer grauen Mauer und hält eine blaue Diplomrolle in der Hand.
Zweites Diplom: Nach ihrem Master in Psychologie in Innsbruck hat Natalie 2025 auch den Abschluss an der Freien Universität Bozen in der Tasche. Foto: Privat

Ein ruhiger Praxisraum, gedämpfte Stimmen, Mindtalks – so hatte sich Natalie Rinner ihr Berufsleben lange vorgestellt. Die junge Frau aus Partschins studierte nach der Matura 2012 zunächst Psychologie in Graz und absolvierte anschließend ihren Master in Innsbruck. Doch statt Therapiesitzungen und Praxisalltag wartete nach ihrer Rückkehr nach Südtirol plötzlich etwas ganz anderes auf sie: ein Klassenzimmer voller Kinder.

Durch Zufall übernahm sie 2018 eine Supplenzstelle an einer Grundschule – und merkte schnell, dass zwischen ihr und dem Lehrberuf mehr entstand als nur ein Übergangsjob. „Es hat sich einfach richtig angefühlt“, erzählt die heute 33-Jährige und erinnerte sich plötzlich wieder daran, wie gern sie doch schon als kleines Mädchen mit ihrer Schwester und ihren Cousinen Schule gespielt hat.

 „Ich fand es fast verantwortungslos“

Anders als damals fühlte sich der Unterricht aber nicht mehr wie ein unterhaltsames Kinderspiel an: „Ich hatte eine erste Klasse und fand es fast verantwortungslos, so einen wichtigen Auftrag zu übernehmen, ohne richtige Basis und Hintergrundwissen zu haben“ erinnert sie sich zurück. Kolleg:innen unterstützten sie zwar tatkräftig, doch irgendwo fehlte einfach das Fundament, und so beschloss die diplomierte Psychologin, im Jahr 2020 noch einmal an die Uni zurückzukehren – diesmal aber an den Campus Brixen der Freien Universität Bozen, zum Studium der Bildungswissenschaften im Primarbereich.

Zwei Jahre studierte Natalie Rinner erneut in Vollzeit, 2023 führte sie das Studium berufsbegleitend weiter. „Für mich war die Entscheidung optimal. Ich bin während des Studiums Mutter geworden, konnte Familie, Beruf und Studium aber trotzdem gut vereinbaren, was auch finanziell wichtig für mich war“, schildert die Partschinserin und unterstreicht, wie gut das Studium auf ihre Bedürfnisse abgestimmt war – mit Vorlesungen an den Wochenenden, in den Ferien und großartigen Professorinnen und Professoren, die ihr stets hilfsbereit zur Seite standen.

Daheim musste sie gar Einiges tun, das bestreitet die passionierte Lehrerin nicht. Trotzdem möchte sie diese Erfahrung des berufsbegleitenden Studiums, diese Kombination aus Theorie und täglicher Praxis nicht missen. Einmal mehr konnte sie das im Studium vermittelte Wissen sofort in ihren Unterricht an der Grundschule Tabland einfließen lassen – wenn auch nicht immer 1:1. 

Eine junge Frau mit Blumen in den Händen, sitzt auf einer Mauer.
Dank der guten Abstimmung des Studienplans konnte die Partschinserin Studium, Familie und Beruf erfolgreich miteinander vereinen. Foto: Privat

„Ich könnte italienweit Englisch unterrichten“

„Wir haben heute an unseren Schulen eine sehr heterogene Realität mit vielen Störbildern, die zwar theoretisch bekannt sind, mit denen in der Praxis jedoch umgegangen werden muss. Es braucht vielmehr Differenzierung. Integration ist im Gegensatz zu meiner Schulzeit ein großes Thema geworden“, sagt Rinner. Mit ihrem Studium fühlt sie sich aber ausreichend vorbereitet für diesen Alltag. Denn durch das theoretische Wissen schafft sie es leichter, die Praxis zu meistern – und auch persönliche Hürden zu überwinden. Etwa in Mathematik, ein Fach, das ihr nie zugesagt hat. Dank des inspirierenden Lehrpersonals habe sie nun aber einen ganz neuen Zugang dazu gefunden, ist sie dankbar.

Seit Juli 2025 hat Natalie Rinner nun offiziell ihr Diplom in der Tasche – und auch ihr zweites Kind im Arm. Schon allein aus diesen privaten Gründen kam es für sie nie in Frage, etwa in die Schweiz zu gehen, wo ihr Lehrberuf finanziell lukrativer wäre. „Ich bin gerne hier, auch weil man mit diesem Studium sofort einen Job bekommt, keine Probleme mit der Anerkennung von Titeln hat und sogar italienweit Englisch unterrichten könnte“, findet sie nur lobende Worte für die multilinguale Ausbildung. Gerade mit Blick auf die vielen CLIL-Schulen und die zunehmend mehrsprachige Lebensrealität von Kindern empfindet sie diese Ausbildung als besonders wertvoll.

Handgeschriebener Brief auf linierten Papier mit liebevoller Nachricht an „Natali“. Unten ist eine bunte Kinderzeichnung einer Person mit ausgebreiteten Armen, umgeben von Herzen, Blumen und Strahlen.
Dieser Brief einer Schülerin veranschaulicht die Wertschätzung, die ihr als Lehrerin entgegengebracht wird - und die ihr so viel Genugtuung schenkt. Foto: Privat

„Da geht mir das Herz auf“

In den Beruf der Psychologin zurückzukehren, das kann sich Rinner nicht mehr vorstellen. Aber nicht, weil sie im Lehrberuf mehr Urlaub im Sommer und nachmittags oft frei habe, wie böse Zungen behaupten. „Ich liebe einfach die kleinen Momente. Ein Kind, das plötzlich versteht. Ein schüchterner Schüler, der sich zum ersten Mal meldet. Oder Eltern, die mir Jahre später begegnen und sagen: Unser Kind spricht heute noch von Ihnen.“

Die 33-Jährige weiß, wie viel sich bei einem Kind oft schon mit wenig erreichen lässt und man noch viel mehr dafür zurückbekommt. „Wenn ich miterleben darf, wie Kinder Fortschritte machen und stolz auf sich selbst werden, geht mir das Herz auf.“ Schule sei für sie deshalb weit mehr als ein Arbeitsplatz. „Mich begeistert das jeden Tag noch immer. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen, der mich so erfüllt.“

Vielleicht war der zweite Bildungsweg am Ende gar kein Umweg. Sondern nur der Weg zurück zu etwas, das in Natalie Rinner schon immer angelegt war.

 

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