Uni als Fundament für eine gute Praxis
Von Martina Hofer
Spricht Johanna Ciech (27) aus Branzoll liebevoll über „kleine Schwämme“, meint sie nicht die Putzutensilien neben der Tafel. Die Grundschullehrerin erzählt von „ihren Kindern.“ Zwanzig Sechs- bis Siebenjährige unterrichtet die Klassenlehrerin in der ersten Klasse der Grundschule Tramin – an manchen Tagen gleich zwischen zwei Klassenzimmern. Denn im Reformzug, in dem sie lehrt, bedeutet Schule Bewegung, Freiheit und manchmal auch ein bisschen Chaos. Die Kinder entscheiden selbst, ob sie Deutsch oder Mathematik machen, wechseln Räume, sind ihr eigener Chef. „Es ist oft richtig quirlig“, erzählt die Grundschullehrerin, „aber dann gibt es diese Momente, wo alle konzentriert arbeiten – und du merkst: Wow, wie schnell Kinder Lerninhalte aufsaugen, wie offen sie sind.“ Besonders in diesen Momenten wird Johanna Ciech bewusst, welche Verantwortung sie trägt und wie wichtig eine qualifizierte Lehrperson für Heranwachsende ist. Dankbar blickt sie dann zurück auf ihr Studium an der Freien Universität Bozen, das sie umfangreich auf den Lehrberuf vorbereitet hat.
Vom Ferialjob zur Berufswahl
Dass sie einmal Kinder unterrichten würde, das erstaunt die einstige „Zett-Miss-Südtirol“ 2018 heute selbst immer noch ein bisschen. Nach der Matura schwankte Johanna Ciech noch zwischen anderen Wegen – Rechtswissenschaften zum Beispiel, mit dem Ziel, Anwältin zu werden, oder Tierärztin. „Ich wollte immer jemandem helfen – Menschen oder Tieren“, erzählt sie. Dass es am Ende die Schule wurde, verdankt sie den Sommerferien: Bei einem Ferialjob in der Kinderbetreuung merkte sie nämlich, wie viel Freude ihr der Umgang mit Kindern macht. „Das hat mich einfach gepackt.“
Während Freundinnen und Freunde zum Studieren mit Sack und Pack ins Ausland zogen, schrieb sich Johanna Ciech nach der Matura 2018 im Masterstudiengang für Bildungswissenschaften im Primarbereich an der unibz am Campus Brixen ein. Eine richtig „bärige“ Zeit, wie sie im Nachhinein sagt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr nicht nur der starke Zusammenhalt unter den Studierenden, sondern auch die inhaltliche Breite des Studiums – Didaktik, Fachwissen, aber auch praktische Zugänge in den Lernwerkstätten. „Biologie oder Mathematik – Fächer, die man eigentlich nicht unbedingt mit dem Studium verbindet, haben mir besonders zugesagt, weil sie wirklich toll vermittelt worden sind“, sagt Ciech.
Auch die mehrsprachige Ausbildung sieht sie im Nachhinein als Vorteil: Vorlesungen auf Italienisch und Englisch waren zwar nicht immer einfach – Stichwort B2-Prüfung und Prüfungsdruck – aber im späteren Berufsalltag gewiss kein Nachteil, weiß die Grundschullehrerin. Vor allem in einem Schulsystem wie dem hiesigen, in dem Sprache Alltag ist – nicht Zusatz.
Absolvent:innen der unibz sind sehr gefragt
Anders als vor zwanzig Jahren, als sie in Branzoll mit zehn deutschsprachigen Mitschüler:innen aus ähnlichen Verhältnissen die Grundschulbank gedrückt hat, sei das Schulbild in Südtirol heute weit heterogener geworden. „Die ideale Unterrichtsstunde gibt es nicht mehr, ich stehe vor 20 Kindern mit unterschiedlichen Sprachen, Lernständen und Situationen. Hier gehen Praxis und Theorie oft weit auseinander. Das, was ich an der Uni gelernt habe, ist nicht 1:1 umsetzbar.“ Für Ciech ist das aber kein Widerspruch zur Ausbildung, sondern ihre logische Fortsetzung. „Ich kann die Praxis formen – aufbauend auf dem Fundament, das ich aus dem Studium mitgenommen habe.“
Und dieses Fundament ist in Südtirol besonders passgenau. Man wird direkt auf das hiesige Schulsystem vorbereitet. Kein Wunder, dass die Unterlandlerin nach ihrem Abschluss am Campus Brixen 2023 nicht lange auf einen Job warten musste. Ein paar Telefonate reichten, muss sie schmunzeln. „Absolvent:innen der Uni Bozen sind sehr gefragt und ich merke, wie meine Fachexpertise im Kollegium geschätzt wird, auch wenn ich noch keine langjährige Berufserfahrung habe. Meine Kolleg:innen begegnen mir auf Augenhöhe und wir sind wirklich ein tolles Team, in dem man gerne arbeitet“, ist die Klassenlehrerin dankbar.
Fehlende Wertschätzung für den Lehrberuf
Trotz der großen Genugtuung, die ihr der Beruf gibt, verschweigt Johanna Ciech die Herausforderungen nicht – in den Klassenräumen selbst, aber vor allem außerhalb der Schule. Besonders der gesellschaftliche Blick auf den Lehrerberuf sei nicht immer wertschätzend. „Ich traue mich manchmal gar nicht zu sagen, dass ich Lehrerin bin. Da heißt es gleich, wir tun eh nichts und haben so viel frei.“ Stereotypen, die mit ihrem Alltag wenig zu tun haben. Lehren, Freiarbeit begleiten, Konflikte lösen, individuell fördern – vieles passiert gleichzeitig. „An manchen Vormittagen habe ich kaum fünf Minuten Zeit, um in Ruhe auf die Toilette zu gehen“, erzählt Ciech. Trotzdem mag sie die abwechslungsreiche und für sie erfüllende Arbeit mit Kindern, die weit über den Fachunterricht hinausgeht. „Für mich ist es immens wichtig, Kinder zu verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen, die respektvoll miteinander umgehen.“ Schließlich tragen die Werte, die sie heute vermittelt, morgen das Fundament unserer Gesellschaft. Umso mehr wünscht sich Johanna Ciech, dass auch ihrer Arbeit mit eben jenem Respekt begegnet wird, den sie täglich vorlebt.