Skip to content

Libera Università di Bolzano

Wenn Wolle vernetzt wird

In Südtirols Tälern gehören Schafe noch immer zum Landschaftsbild – aber längst nicht mehr in der Zahl vergangener Zeiten. Zweimal im Jahr fällt ihr Wollkleid – bereit, neue Wege zu gehen.

Di Rosmarie Hagleitner

Eine dichte Schafherde auf einer Almwiese, im Hintergrund sind steile, wolkenverhangene Berggipfel.
Im Zusammenspiel von Mensch, Wolle und Cobot wird der Wert lokaler Wolle durch hybride Produktion und offenes Design neu gedacht. Foto: Merve Bektaş

Rund 150 Tonnen Schafwolle werden jedes Jahr in Südtirol geschoren. Etwa 80 Tonnen davon landen ungenutzt im Müll – zu grob, zu unrein. Für die industrielle Textilproduktion, die auf importierte, genormte Fasern setzt, scheint diese regionale Wolle wertlos. Doch immer mehr Designerinnen und Designer, kleine Manufakturen und Start-ups beweisen, dass Schafwolle weit mehr kann, als nur zu Dämmmaterial verarbeitet oder entsorgt zu werden. Hinter diesem Rohstoff steckt ein Stück alpine Kultur, handwerkliches Wissen und ökologischer Wert. Genau hier setzt das designorientierte Forschungsprojekt WOLB Wollelab an, das von der Freien Universität Bozen mit finanzieller Unterstützung des PNRR-Fonds iNEST Young Researchers initiiert und koordiniert wird.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Mensch, Wolle und Cobot – und die Frage, wie hybride Produktionsformen und offenes Design dazu beitragen können, den Wert lokaler Wolle neu zu denken und traditionelle Handwerkstechniken lebendig zu halten.

Unter der Leitung der Designerin und Forscherin Merve Bektaş vom Kompetenzzentrum für Innovationsökosysteme in Bergregionen an der Freien Universität Bozen arbeitet ein interdisziplinäres Team daran, Antworten zu finden. Mit dabei: Forschende der Fakultäten für Design und Künste sowie für Ingenieurwesen, unterstützt von der Smart Mini Factory, dem Lernfabrik-Labor für Industrie 4.0 der unibz. Auch die Praxis ist eng eingebunden: Salewa, die Ultner Wollmanufaktur Bergauf und die Winterschule Ulten bringen ihre Erfahrung und ihr Know-how in der Wollverarbeitung ein.

Ein Team aus Forschung und Praxis, aus Design, Technologie und Handwerk verfolgt gemeinsam ein ehrgeiziges Ziel: der heimischen Wolle mit alternativen, nicht-industriellen Fertigungstechniken neuen Glanz und Wert zu verleihen – und so der Massenproduktion und den globalen Lieferketten kleine, widerstandsfähige Produktionskreisläufe und lokale Netzwerke entgegenzusetzen.
„Wir wollten die verschiedenen Akteure zusammenbringen und neue Wege ausprobieren, wie man Wolle verarbeiten kann“, sagt Merve Bektaş. Interdisziplinarität sei dabei ein Geschenk – aber auch eine Herausforderung: „Unterschiedliches Fachwissen, verschiedene Arbeitsweisen und Vorstellungen treffen aufeinander. Wenn Ingenieurinnen und Ingenieure digitale Werkzeuge entwickeln, müssen sie Filztechniken verstehen. Und Designerinnen und Designer erkunden neue Wege der Verarbeitung von Bergwolle, um ihren besonderen, teils widerspenstigen Eigenschaften gerecht zu werden.“
Genau darin liegt für Bektaş das Innovationspotenzial: Wie können Mensch, Material und Technik zusammenspielen? Und wie können lokale Handwerks- und Produktionsgemeinschaften, deren Berufe zunehmend bedroht sind, diese Technologien nutzen, um neue Herstellungsverfahren zu entwickeln? Das sind die zentralen Fragen des Projekts.

Zwei kollaborative Roboterarme arbeiten über einer hellen Filzmatte auf einem Arbeitstisch in einer Laborumgebung.
Der „Woolotter“ verwischt die Grenzen zwischen Design, Technologie und Handwerk – ein Cobot, der statt Tinte mit Wolle „plottert“ und neue Formen filzt. Foto: Merve Bektaş

Aus diesen Überlegungen heraus entstand der „Woolotter“ – ein experimenteller Prototyp, der die Grenzen zwischen Design, Technologie und Handwerkskunst auf kreative Weise verwischt. „Die Idee dahinter war: Was wäre, wenn wir Wolle plotten könnten?“, erzählt Bektaş. „So ist der Name Woolotter entstanden – eine Mischung aus Wolle und Plotter.“ Statt Tinte oder Farbe nutzt das Gerät Rohwolle, die mithilfe eines Cobots – eines kollaborativen Roboters – Schicht für Schicht zu neuen Formen und Texturen gefilzt wird.

Der Prototyp wird derzeit im Smart Mini Factory Lab in Bozen getestet. Die Vision: Der Woolotter soll als Open-Source-Tool über eine digitale Plattform frei zugänglich sein. Interessierte könnten dann den Bauplan herunterladen, an ihre Bedürfnisse anpassen und mit eigener Wolle experimentieren. „Es geht darum, neue Wege des gemeinsamen Gestaltens zu ermöglichen – im Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Material“, so Bektaş.

Ein weiteres Ergebnis von WOLB Wollelab ist eine Webplattform, die erstmals das lokale Wollökosystem Südtirols abbildet. Auf einer interaktiven Karte zeigt sie die verschiedenen Akteurinnen und Akteure – Schäfer, Designerinnen, Produzenten, Handwerkerinnen, Institutionen und Verbände – und schafft erstmals eine Übersicht über ein bisher zersplittertes Netzwerk. Hier können sich Beteiligte vernetzen, austauschen und ihre Angebote sichtbar machen.

Doch WOLB geht über reine Vernetzung hinaus. Im Zentrum steht die Idee, den more-than-human-Aspekt sichtbar zu machen – also die Perspektive, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Materialien und Umwelt aktiv am Produktionsprozess beteiligt sind. „Saisonalität, Berge und Höhenlagen sind entscheidend für die Schafzucht – und damit auch für das Wollökosystem“, erklärt Bektaş. „Das spiegelt auch die Webseite wider: Sie verändert sich mit den Jahreszeiten und zeigt durch Farbwechsel die monatlichen Schwankungen. Im Herbst erscheinen etwa Brauntöne, und wer genau hinsieht, kann erkennen, in welcher Höhe die Schafe gerade in den Tälern weiden. So entsteht eine unmittelbare Beziehungsebene – selbst für Menschen, die mit der Thematik bisher wenig zu tun hatten.“

Die grobe, kratzige Wolle der Bergschafe ist ein direktes Resultat ihrer Anpassung an das raue alpine Klima – und unterscheidet sich grundlegend von der weichen Merinowolle. „Wenn wir über Wolle sprechen, reden wir nicht nur über ein Material, sondern über ein Netzwerk von Beziehungen zwischen unterschiedlichen Ökologien“, sagt Bektaş. Saisonale Schur, Höhenlage und Lebensbedingungen der Tiere werden zu verbindenden Elementen, die Wissen, Sensibilität und neue Kooperationen sichtbar machen.
Auf der Plattform können Teilnehmende ihre eigenen Daten zu Wollmengen, Nutzung oder Preisen eintragen, sich präsentieren und potenzielle neue Partnerschaften entdecken. Die Plattform ist öffentlich und lädt zur aktiven Mitgestaltung ein.

Dieser Artikel wurde in der neuesten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Academia“ veröffentlicht.

Beitrag nur auf Deutsch verfügbar

Persone nell’articolo: Merve Bektas