Offen sein für alles
Di Martina Hofer
Streng und konsequent auftreten? Oder doch lieber der lockere, coole Lehrer sein? Vor dieser Frage stand auch Lukas Pueland (29), als er zum ersten Mal als Klassenlehrer vor eine Grundschulklasse trat. Nicht, weil er sich als Mann mit dieser Entscheidung schwerer tun würde als seine weiblichen Kolleginnen, sondern vielmehr, weil es kein „Patentrezept“ dafür gebe, sagt der Grundschullehrer - so wie bei vielen Dingen in seinem Beruf.
„Offen sein für alles“ - zu dieser wichtigen Einsicht war er schon an der Freien Universität Bozen bekommen. „Wir haben im Studium unglaublich viel gelernt und tolle Werkzeuge mitbekommen, doch gewisse Dinge im Lehrberuf kann man nicht studieren, man muss sie erfahren“, weiß der junge Grundschullehrer aus St. Lorenzen. Seit vier Jahren arbeitet er an heimischen Grundschulen, anfangs als Supplent, dann als Integrationslehrer und im vergangenen Schuljahr zum ersten Mal als Klassenlehrer einer 5. Klasse an einer Bozner Grundschule. Dass Männer im Grundschulbereich noch immer selten sind, nimmt Pueland gelassen. Das Thema werde häufig größer gemacht, als es tatsächlich sei. „Auch beim Studium waren wir nur etwa 15 Männer unter 200 Studierenden im Jahrgang. Es hat mich nie gestört, im Gegenteil, ich konnte viele Freundschaften knüpfen.“
Sein Freundebuch aus der Kindheit hat er da aber nicht weitergereicht. Denn unter „Berufswunsch“ stand dort nicht der des Lehrers. „Ich wollte immer Krankenpfleger werden – bis ich verstanden habe, dass ich kein Blut sehen kann“, muss der Pusterer schmunzeln. Aufgrund dieser Tatsache entschied er darum zunächst für eine Wirtschaftsfachoberschule. „Da kannst du vieles machen“, hatte man ihm prophezeit. Doch Bank, Verwaltung oder Kanzlei haben ihn nach der Matura nie zu Gesicht bekommen. Stattdessen las er von einer bevorstehenden Pensionierungswelle im Schuldienst und verlockend vielen freien Stellen. „So habe ich den Tag der Offenen Tür genutzt, um mir die Uni anzuschauen – und 2017 schließlich mit dem Studium der Bildungswissenschaften im Primarbereich begonnen."
Noch einmal fünf Jahre Studium nach fünf Jahren Oberschule war jedoch keine einfache Entscheidung. Ins Ausland wollte er aber aufgrund möglicher Schwierigkeiten bei der Anerkennung des Studientitels nicht. „Vielleicht hat mir auch ein bisschen der Mut gefehlt“, gibt der 29-Jährige rückblickend zu. Trotzdem bereut er den eingeschlagenen Weg nicht.
Die Mehrsprachigkeit, die Parallelausbildung für Kindergarten und Grundschule, ein Studium am Zahn der Zeit, all das hat ihn – neben der Ortsnähe – am Studium am Campus Brixen überzeugt. „Klar, habe ich mich manchmal gefragt, warum wir Erwachsenenromane wie 'Die Bagage' von Monika Helfer analysieren oder Physik pauken mussten. Heute sehe ich es als persönliche Weiterbildung“, so Pueland, der vor allem die Arbeit in den Laboratorien spannend fand und die Vorteile vor Berufspraktika hervorhebt.
„Die Praxis mitzuerleben ist sehr hilfreich, denn unser Beruf ist nicht wie Mathematik, wo es am Ende eine richtige Lösung gibt. Man muss selbst einen Weg finden, der für die eigene Person stimmig und für die Bedürfnisse der Klasse gut ist. Gerade diese Herausforderung sei aber auch das Spannende an seinem Job", sagt Pueland, wenn er an seine Fünftklässler zurückdenkt. Man begleite sie in einer wichtigen Phase ihres Lebens. Wenn etwas, das man plane, gelinge oder die Kinder sich freuen, dann motiviere das, so der Grundschulehrer und findet in diesen Erfolgsmomenten die Bestätigung für seine Berufswahl.
Womit er bei seinen Fünftklässlern im vergangenen Schuljahr am meisten gepunktet hat? Mit selbsterstellten Quizübungen am Computer. „Die sind sehr gut angekommen, da habe ich meine Schüler und Schülerinnen gekriegt“, erzählt Pueland und lächelt. Scheint so, als hätte er sich doch für die Variante des coolen Lehrers entschieden.