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Free University of Bozen-Bolzano

Agriculture

Zwischen Ertragssteigerung und Enkeltauglichkeit

Kosten, Marktdruck, Umweltauflagen: Südtirols Apfelbauern stehen vor großen Herausforderungen. Eine Studie der unibz zeigt jedoch, was das System stabil hält – die Familienbetriebe.

By Martina Hofer

Der Großvater hilft seinem Enkelkind, Äpfel vom Apfelbaum zu pflücken.
Meist leben in Südtirol mehrere Generationen auf einem Hof. Foto: freepik

Über 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Südtirol sind familiengeführt. In kaum einer anderen Provinz Europas ist die Landwirtschaft so kleinteilig organisiert – und zugleich so stark in internationale Märkte eingebunden. Obwohl die Obstbaufläche hierzulande zwischen 2012 und 2022 um zwei Prozent zurückgegangen ist und die Erträge pro Hektar aufgrund steigender Kosten jährlich sinken, sind 59 Prozentder Obstbauern und Obstbäuerinnen mit ihrem Einkommen zufrieden, 66 Prozent haben ihre Investitionen in den vergangenen Jahren sogar erhöht.

Das ergab eine Studie der unibz über „Soziale Nachhaltigkeit in Familienbetrieben am Beispiel des Südtiroler Apfelanbaus“. Die Untersuchung basierte auf einem gemischten Methoden-Ansatz: Ausgewertet wurden Sekundärdaten des Raiffeisenverbandes Südtirol, eine Umfrage unter 116 Apfelbauern und -bäuerinnen sowie qualitative Fallstudien und Interviews. Ziel war es, nicht nur wirtschaftliche Kennzahlen zu analysieren, sondern auch die soziale Dimension der Landwirtschaft sichtbar zu machen.

„Wir schauen in der Landwirtschaft sehr oft nur auf Erträge, Produktivität und Effizienz“, sagt Alessandra Piccoli, Forscherin im Kompetenzzentrum für das Management von Genossenschaften und Mitautorin der Studie, die unter der Leitung von Prof. Christian Fischer von der Fakultät für Agrarwissenschaften durchgeführt worden ist. „Dabei wird übersehen, welch starke soziale, territoriale und identitätsstiftende Bedeutung die bäuerliche Familienlandwirtschaft für die Menschen und für das Gebiet hat.“

Für Piccoli ist diese Feststellung kein Zufall: „Die Daten zeigen eine sehr starke unternehmerische Mentalität. Die Landwirt:innen investieren weiter, weil sie eine enge Bindung an ihren Hof und an ihr Land haben und den Wunsch, dies zu erhalten.“ Für 87 Prozent von ihnen ist der Hof nämlich auch zu Hause – mehrere Generationen leben und arbeiten zusammen. 77 Prozent sind sogar auf diese Familienarbeitskräfte angewiesen. „In vielen Gesprächen wurde der Hof fast wie ein Familienmitglied beschrieben“, erklärt Piccoli. „Er ist Teil der eigenen Identität.“

Diese enge Bindung hat ihren Preis. 42 Prozent der Befragten geben an, weniger Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, 59 Prozent haben kaum Freizeit. Die soziale Nachhaltigkeit sei also kein Selbstläufer, sondern erfordere bewusste politische und gesellschaftliche Unterstützung, resümiert die Forscherin.

Landwirtschaftliche Genossenschaften ermöglichen es kleinen Betrieben, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Foto: freepik

Eine wichtige Rolle spielen die landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie bündeln Produktion, sichern Marktzugang und ermöglichen es kleinen Betrieben, international wettbewerbsfähig zu bleiben. „Ohne Genossenschaften könne dieses kleinteilige System wirtschaftlich nicht bestehen“, ist die Forscherin überzeugt. „Leider werden sie oft als selbstverständlich angesehen. Es fehlt an Bewusstsein für die Einzigartigkeit dieses Modells und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Wert.“

Doch auch in den Genossenschaften brauche es Resilienz im Umgang mit Wandel. Demnach sollte nicht nur auf Techniken zur Ertragssteigerung gesetzt werden, sondern auch auf nachhaltige Lösungen zur Reduktion von Umweltbelastungen. Zwar gaben 45 Prozent der Landwirte:innen an, den Einsatz von Chemikalien zu reduzieren, dennoch bleibt eine Lücke zwischen Bewusstsein und Praxis. „Das Umweltbewusstsein ist oft nur in der Theorie vorhanden“, sagt Piccoli und plädiert dafür, den sozialen Wert in der Agrarpolitik und in der Forschung noch stärker zu berücksichtigen – nicht nur über Förderungen, sondern auch über Anerkennung. Dies trage dazu bei, junge Menschen in der Apfel-, aber auch in der Wein- oder Viehwirtschaft zu halten. Viele Höfe finden noch Nachfolger, doch die Arbeit ist hart und die Anforderungen hoch. „Wenn Landwirtschaft nur als Einkommensquelle gesehen wird, verliert sie an Attraktivität“, sagt die Forscherin. Wenn sie aber als identitätsstiftender Lebensraum verstanden werde, bekomme sie eine ganz andere Bedeutung.

 

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