Wohlbefinden ist mehr als Wohlfühlen
Von Martina Hofer
Vom 22. bis 26. September widmet sich die internationale pädagogische Woche Seeding the Future der hochwertigen Bildung und Betreuung von Kindern im Alter von null bis sechs Jahren. Vorträge, Workshops, Praxisbesuche und Begegnungen am Campus Brixen der Freien Universtiät Bozen beleuchten unter anderem frühkindliches Lernen, Wohlbefinden, Inklusion und Demokratiebildung. Im Gespräch erläutern die Erziehungswissenschaftlerinnen Prof.in i. R. Susanne Viernickel aus Berlin (Keynote bei der Veranstaltung) und Prof.in Iris Nentwig-Gesemann von der unibz, was pädagogische Qualität aus der Sicht von Kindern bedeutet.
Kitas und Kindergärten werden nach Betreuungsschlüssel, Ausstattung oder Bildungsangebot bewertet. Wird das kindliche Wohlbefinden bei der Qualitätsbewertung unterschätzt?
Susanne Viernickel: Das Wohlbefinden der Kinder zu gewährleisten, ist ein zentraler Auftrag jeder frühkindlichen Betreuungseinrichtung. Bisher wurde jedoch vor allem darauf geschaut, was sie „liefert“ – und weniger darauf, was bei den Kindern tatsächlich „ankommt“.
Iris Nentwig-Gesemann: Häufig stehen messbare Lernergebnisse im Vordergrund. Individuelles Wohlbefinden lässt sich aber nicht allein von außen beurteilen. Wir müssen Kinder fragen und beobachten: Was erleben sie positiv oder negativ? Was regt sie an, was langweilt oder verunsichert sie? Die Erfahrungen und Perspektiven von Kindern systematisch in die Qualitätsentwicklung einzubeziehen, ist noch recht neu.
Was bedeutet Wohlbefinden für ein Kleinkind?
Nentwig-Gesemann: Im Alltag wird Wohlbefinden oft mit „Wohlfühlglück“ gleichgesetzt: Lust, Genuss und Freude im Augenblick. Zum sogenannten eudämonischen Glück gehören aber auch Sinn, Selbstwirksamkeit, persönliches Wachstum und die Entfaltung der eigenen Potenziale. Wohlbefinden zu fördern, bedeutet deshalb nicht, jedes Bedürfnis sofort zu erfüllen. Kinder erleben auch Kummer, Wut, Angst und Traurigkeit. Dann brauchen sie Freunde und pädagogische Fachkräfte, die sie dabei begleiten.
Wie erforscht man das Wohlbefinden von Kindern, die ihre Gefühle noch kaum in Worte fassen können?
Nentwig-Gesemann: Mein Team und ich haben eine ganze Sammlung, einen „Methodenschatz“ entwickelt und erprobt. Wir beobachten Kinder im Alltag, sprechen mit ihnen über Gefühle und lassen sie malen oder ihre Lieblingsorte fotografieren. Auch Beschwerdemauern oder die Planung eines „verrückten schönen Tages“ machen ihre Perspektiven sichtbar. Für unter Dreijährige entwickeln wir aktuell weniger sprachbasierte Methoden. Erwachsene unterschätzen oft, was Kinder in ihren verschiedenen „Sprachen“ ausdrücken können. Man muss aufmerksam hinsehen und gut zuhören.
Viernickel: Bei jüngeren Kindern beobachten wir vor allem das Verhalten und emotionale Signale. In einer Studie haben wir dazu 140 Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr videografiert und die Aufnahmen sekundengenau ausgewertet. Darauf aufbauend entstand KiWiE, ein Verfahren, mit dem Fachkräfte das Wohlbefinden beim Übergang von der Familie in die Kita einschätzen können.
Was hat die sekundengenaue Auswertung sichtbar gemacht, was Ihnen zuvor nicht bewusst war?
Viernickel: Wir haben festgestellt, dass sich die Kinder die meiste Zeit des Tages entspannt fühlten. Die genaue Beobachtung zeigte aber auch: Nur weil ein Kind nicht weint, heißt das noch lange nicht, dass es ihm gut geht. Wohlbefinden zeigt sich auch darin, dass ein Kind Interesse an anderen hat, soziale Kontakte knüpft und sich in ein Spiel vertiefen kann. KiWiE soll Fachkräfte darum auch dabei unterstützen, solche Signale bewusster wahrzunehmen und genauer hinzuschauen.
Woran erkennt man, dass sich ein Kind nicht wohlfühlt?
Viernickel: Ein Hinweis kann eine passive Beobachterposition sein: Das Kind findet weder ins Spiel noch in soziale Kontakte, wandert unfokussiert durch den Raum und traut sich wenig zu. Es möchte sich rückversichern, aber es ist niemand da, bei dem es sich rückversichern kann – das verunsichert ein Kind stark. Auch Niedergeschlagenheit, wenig Bewegung oder Weinen können Anzeichen sein. Entscheidend ist jedoch immer der Kontext: Tritt das Verhalten regelmäßig auf? Sucht das Kind bei einer Bezugsperson Trost und Unterstützung?
Welche Rolle spielen die Eltern?
Viernickel: Kinder bringen ihre frühen Bindungserfahrungen aus dem Elternhaus mit. Sicher gebundene Kinder vertrauen darauf: „Wenn ich ein Problem habe, helfen mir Personen.“ Doch frühe Erfahrungen legen nicht alles fest. Pädagogische Fachkräfte können zu verlässlichen Bezugspersonen werden, Sicherheit geben und belastende Erfahrungen korrigieren.
Laut Studien kämpfen immer mehr Jugendliche mit psychischen Problemen. Werden die Weichen für ihr späteres Wohlbefinden bereits in den ersten Lebensjahren gestellt?
Viernickel: Wie mit einem Kind umgegangen wird und welche Erfahrungen es in den ersten Lebensjahren macht, spielt auf jeden Fall eine mitentscheidende Rolle in der Entwicklung. Werden seine Signale und Bedürfnisse erkannt und beantwortet? Erlebt es eher Akzeptanz oder Ablehnung, Wirksamkeit oder Abhängigkeit, Erfolg oder Scheitern, Sättigung oder Mangel? Die frühen Erfahrungen schichten sich auf und beeinflussen, wie das Kind zu späteren Zeitpunkten und auch bis ins Erwachsenenalter hinein fühlt, auf die Welt zugeht und sich selbst sieht. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn sie bedeutet: Jede pädagogische Fachkraft kann einen Unterschied machen. Indem sie für das Wohlbefinden eines Kindes im Hier und Jetzt sorgt, gibt sie ihm Stärkendes für seine Zukunft und sein weiteres Leben mit. Allerdings – auch das halte ich für eine gute Nachricht – handelt es sich nicht um einen vollständigen Determinismus. Auch später können Weichen neu gestellt und belastende Erfahrungen positiv korrigiert werden.
Sie forschen beide zum Wohlbefinden von Kleinkindern – allerdings in unterschiedlichen Ländern. Welche Unterschiede zwischen Südtirol und Deutschland fallen besonders auf?
Nentwig-Gesemann: Da ich an beiden Orten zu den Kinderperspektiven geforscht habe, kann ich sagen: Die Rahmenbedingungen sind in Südtirol besser als in den meisten deutschen Kindergärten und Kitas: kindgerechte Gebäude, gute Materialien, mehr Zeit für pädagogische Arbeit, frisch gekochtes Essen und ein Springersystem bei längeren Ausfällen. Auch die akademische Ausbildung unserer Kindergärtner:innen an der unibz und die Prozessbegleitung in den Sprengeln unterstützen die Qualität. In Deutschland ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie leichter, weil die Betreuungszeiten stärker daran angepasst sind. Eine Baustelle bleibt in beiden Ländern der Übergang in die Grundschule – hier ist noch viel zu tun, um einen wirklich kindgerechten Übergang abzusichern.
Welche Empfehlung geben Sie den politischen Entscheidungsträgern?
Viernickel: „Investiert mehr – verbindlich und verlässlich!“ Gute Qualität braucht qualifiziertes Personal, angemessene Betreuungsschlüssel, Fachberatung, Supervision und anregende Räume. Hochwertige Angebote müssen für alle Familien zugänglich sein. Zudem brauchen Kita-Teams Zeit für die Qualitätsentwicklung. Kaum eine Investition bringt gesellschaftlich und volkswirtschaftlich mehr.
Nentwig-Gesemann: Und wir müssen die Kernziele frühkindlicher Erziehung und Bildung im Blick behalten: Es geht nicht darum, „möglichst schulkompatible Kinder abzuliefern“, sondern um mündige Menschen, die demokratisch, nachhaltig und inklusiv denken und handeln. Daran müssen wir unsere Pädagogik messen und weiterentwickeln.
Dr. Iris Nentwig-Gesemann ist Professorin für Allgemeine Pädagogik, Sozial- und Frühpädagogik an der Freien Universität Bozen, Fakultät für Bildungswissenschaften. Ihre Schwerpunkte sind Frühpädagogik, Kindheits- und Kinderperspektivenforschung, Interaktionsqualität und Draußen-Pädagogik.
Prof. i.R. Dr. Susanne Viernickel forschte und lehrte Pädagogik der frühen Kindheit in Gießen, Koblenz, Berlin und zuletzt an der Universität Leipzig. Aktuell forscht und schreibt sie zu den Themen pädagogische Qualität, Bildung und Gesundheit sowie kindliches Wohlbefinden in frühpädagogischen Institutionen.
Related people: Iris Nentwig-Gesemann