„Geschichten sind nicht in der Krise“
By Martina Hofer
Frau Prof.in Hoffmann, laut der britischen Studie Reading | National Literacy Trust (2025) gibt es einen deutlichen Rückgang der Lesefreude bei Kindern und Jugendlichen. Steckt das Lesen in der Krise?
Jeanette Hoffmann: Man muss hier genau unterscheiden. In der Jugend gibt es tatsächlich einen „Leseknick“ – also eine Phase, in der Freunde, Freizeit und Ausgehen wichtiger werden als Bücher. Das ist in der Forschung seit Langem bekannt. Gleichzeitig zeigen deutschsprachige Erhebungen, etwa die KIM-Studie 2024 zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger, dass viele Kinder im Grundschulalter nach wie vor gerne lesen. Nicht die Geschichten sind in der Krise, sondern die Formen ihrer Rezeption verändern sich.
Was heißt das konkret?
Jeanette Hoffmann: Kinder begegnen Geschichten heute in vielen Medien: im Buch, Hörspiel, Film, in Serien, Podcasts, BilderbuchApps oder Graphic Novels. Deshalb sollte man das gedruckte Buch und digitale Medien nicht gegeneinander ausspielen. Das Erzählen bleibt aktuell und wichtig – nur die Wege der Rezeption sind vielfältiger geworden.
Dennoch konkurriert der Bildschirm mit dem Buch um Aufmerksamkeit.
Jeanette Hoffmann: Ja, natürlich teilen sich die Medien die verfügbare Zeit. Wenn Kinder viele Medien nutzen, bleibt für das einzelne Medium weniger Zeit. Aber digitale Medien sind nicht nur Alternativen, sondern auch Ergänzungen zum Buch, zeigen die Ergebnisse der Rezeptionsforschung. Auch ist es so, dass Kinder über bekannte Figuren oder Geschichten aus Film und Hörspiel leichter Zugang zum Buch finden. Wichtiger als die Gegenüberstellung von analog und digital ist die Frage, wie Kinder Geschichten gemeinsam erleben und darüber ins Gespräch kommen.
Was kann das gedruckte Buch, was ein Bildschirm nicht kann?
Jeanette Hoffmann: Bücher ermöglichen eher ein Verweilen. Man schaut länger auf eine Seite, entdeckt Details, blättert zurück, zeigt auf Bilder. Dazu kommt die Haptik: das Material, die Oberfläche, der Geruch, das Umblättern. Diese sinnliche Erfahrung spielt eine bedeutende Rolle. Das Buch ist in der Regel langsamer als der Bildschirm – und genau diese Langsamkeit kann Erfahrungen Raum geben. Und das gedruckte Buch hat noch eine weitere Funktion: Es eröffnet in besonderem Maße Zugänge zu einer Lese-, Bildbetrachtungs- und Schriftkultur. Damit ist es ein bedeutendes Medium für Kindergarten und Schule, da es allen Kindern Teilhabe an Literalität ermöglicht.
Haben Kinder heute überhaupt noch die Geduld für dieses Verweilen?
Jeanette Hoffmann: Ja, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. In meiner Rezeptionsforschung mit Bilderbüchern und Graphic Novels habe ich immer wieder beobachtet, dass Kinder im Gespräch erstaunlich intensiv in Bilder und Geschichten einsteigen. Zunächst benennen sie, was sie sehen. Dann entwickeln sie gemeinsam Deutungen zur Handlung (Was könnte hier passieren?) und zur Wahrnehmung (Was könnten die Figuren denken oder fühlen?). Dieses langsame, gemeinsame Erschließen ist hoch anspruchsvoll – und Kinder können das sehr wohl.
Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus?
Jeanette Hoffmann: Eine große. Frühes Vorlesen, Bücher im Alltag, das Vorbild lesender Eltern oder Bezugspersonen – all das wirkt stärkend. Wo Bücher selbstverständlich sind, sind auch Geschichten präsenter. Gleichzeitig darf man die Verantwortung nicht allein bei den Familien lassen. Gerade deshalb sind Kindergarten und Schule so wichtig: Dort können alle Kinder literarische Erfahrungen machen, auch jene aus schriftferneren Familien.
Wird das an der Universität in der Ausbildung künftiger Lehrpersonen und Pädagoginnen mitgedacht?
Jeanette Hoffmann: Ja, sehr bewusst. Im Studium arbeiten wir mit einer großen Vielfalt an Erzählformen – vom Bilderbuch über Roman und Hörspiel bis zu Comic und Film. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass das gedruckte Buch zentral bleibt. Es ist das Medium, mit dem Kinder in Kindergarten und Schule Erfahrungen mit der Schriftsprache machen können. Und wir arbeiten insbesondere mit aktueller Kinderliteratur, etwa den jährlichen Nominierungen des Deutschen Jugendliteraturpreises, damit Studierende über die Bücher der eigenen Kindheit hinaus neugierig auf heutige Themen und Erzählweisen werden.
Was raten Sie Eltern, deren Kinder schwer Zugang zu Büchern finden?
Jeanette Hoffmann: An vorhandene Medienerfahrungen anknüpfen. Wenn ein Kind Figuren aus einer Serie, einem Film oder Hörspiel liebt, kann genau das die Brücke zum Buch sein. Und man sollte Kindern inhaltlich etwas zutrauen. Sie interessieren sich nicht nur für lustige oder leichte Themen, sondern auch für grundlegende Erfahrungen wie Konflikte, Freundschaft, Selbstwirksamkeit oder Gerechtigkeit. Die Erfahrungshaftigkeit ist es, die Geschichten für Kinder bedeutsam macht, in ihnen Resonanz erzeugt.
Kinderbücher greifen heute oft schwierige Themen auf. Ist das sinnvoll?
Jeanette Hoffmann: Ja, unbedingt. Kinder begegnen auch in ihrem Alltag existenziellen Fragen wie Angst, Armut, Krankheit, Verlust oder Einsamkeit. Literatur kann diese Erfahrungen aufgreifen, kann dabei Mut machen oder Hoffnung geben, dies alles im Schutzraum der Fiktion: Man spricht über Figuren, nicht direkt über sich selbst. So können auch herausfordernde Themen bearbeitet werden, ohne Kinder zu überfordern. Das ist eine große Stärke von Kinderliteratur.
Können Geschichten Kinder verändern?
Jeanette Hoffmann: Nicht in einem einfachen Wirkungszusammenhang. Man kann nicht sagen, dass man ein Buch gelesen hat und danach ein anderer Mensch geworden ist. So funktioniert Literatur nicht. Aber sie hinterlässt Spuren. Kinder greifen Formulierungen auf, erinnern sich an Bilder, denken Geschichten weiter. Literatur eröffnet Möglichkeitsräume. Sie kann stärken, irritieren, trösten und neue Perspektiven eröffnen. Diese Verwandlung ist nicht direkt „messbar“, aber immer wieder zu beobachten.
Welche Trends beobachten Sie derzeit in der Kinderliteratur?
Jeanette Hoffmann: Besonders auffällig ist die große Vielfalt an Themen. Unterschiedliche Lebensformen, historische und Migrationserfahrungen, psychische und soziale Herausforderungen sowie globale Krisen. Gleichzeitig wird formal viel ausprobiert, etwa etwa in humorvollen, sprachspielerischen und insbesondere visuellen Formen des Erzählens. Kinderliteratur ist heute vielstimmiger geworden – und näher an den komplexen Lebensrealitäten von Kindern.
Wie wird das Kinderbuch in 20 Jahren aussehen? Und was bedeutet KI für die Literatur?
Jeanette Hoffmann: Wie das Kinderbuch konkret aussehen wird, ist ungewiss. Sicher ist jedoch: Geschichten werden bleiben. Das Erzählen ist eine anthropologische Konstante. Menschen brauchen Geschichten, um sich selbst und die Welt zu verstehen. KI kann vielleicht bei einer Erstorientierung zu einem Thema helfen, aber sie ersetzt keine Literatur. Literatur lebt von Originalität, Eigensinn, Erfahrung und einer eigenen Handschrift. Gerade das macht sie so wertvoll.
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