Gemeinsam statt einsam
By Rosmarie Hagleitner
Das Kompetenzzentrum für das Management von Genossenschaften der unibz begleitet diese Entwicklung wissenschaftlich und praxisnah. Unter der Leitung von Prof. Richard Lang wurde das Zentrum nun bis 2029 verlängert.
Herr Prof. Lang, warum rücken Genossenschaften gerade jetzt stärker ins Blickfeld?
Prof. Richard Lang: In Zeiten tiefgreifender Veränderungen – von der Wohnkostenkrise über den demografischen Wandel bis hin zu verantwortungsvollem Wirtschaften – wächst das Interesse an Modellen, die wirtschaftliche Stabilität mit sozialer Verantwortung verbinden. Genossenschaften stehen genau dafür: Sie verbinden unternehmerisches Handeln mit demokratischer Mitbestimmung und regionaler Verankerung.
Was hat Ihr Kompetenzzentrum bisher bewirkt?
Seit der Gründung im Jahr 2023 haben wir uns als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis etabliert. Wir forschen mit nationalen und internationalen Partnern, arbeiten eng mit dem Amt für Genossenschaftswesen der Provinz, den Südtiroler Verbänden sowie weiteren Stakeholdern zusammen und bringen wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in die Praxis. Die Verlängerung bis 2029 zeigt, dass diese Arbeit gebraucht wird. Unsere Veranstaltungen und Studien zeigen: Genossenschaften gestalten soziale und wirtschaftliche Veränderungen aktiv mit und tragen zum verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen bei.
Ein großes Thema ist leistbares Wohnen. Können Genossenschaften die Wohnkostenkrise abfedern?
Sie können zumindest einen wichtigen Beitrag leisten. 2024 und 2025 haben wir zwei vielbeachtete Tagungen zu genossenschaftlichen Wohnmodellen organisiert. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Forschungsinstitut EURICSE in Trient haben wir zudem untersucht, wie solche Modelle die Wohnungsmärkte entlasten können – etwa durch Strategien gegen Grundstücksspekulation, Kooperationen mit Gemeinden und innovative Finanzierungsformen. Genossenschaftliches Wohnen setzt auf langfristige Perspektiven statt kurzfristiger Rendite. Das schafft Stabilität.
Viele Betriebe in Südtirol stehen vor der Nachfolgefrage. Wo liegt hier das Potenzial?
Der demografische Wandel stellt zahlreiche (Familien-)Betriebe vor große Herausforderungen. Gibt es keine innerfamiliäre Lösung, kann eine genossenschaftliche Übernahme unter Beteiligung der Mitarbeitenden eine Alternative sein.
Haben Sie ein Beispiel?
Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Thema haben wir mit Studierenden eine Gärtnerei in Bruneck besucht, in der die Idee des „Cooperative Buyouts“ bereits umgesetzt wurde: Mitarbeitende übernehmen gemeinsam Verantwortung, sichern Arbeitsplätze und halten Wertschöpfung in der Region. Das stärkt Betriebe und lokales Know-how.
Auch Bürgergenossenschaften rücken in den Fokus. Was steckt dahinter?
Viele Menschen wollen ihre Lebensumwelt aktiv mitgestalten – bei Energie, Nahversorgung, Mobilität oder sozialen Dienstleistungen. Bürgergenossenschaften geben diesem Wunsch eine Struktur. Gerade in kleineren Gemeinden können sie helfen, die lokale Nahversorgung oder soziale Angebote zu sichern oder neu zu schaffen. Unsere Veranstaltung zu Bürgergenossenschaften hat gezeigt, dass sie auch Identifikation und Zusammenhalt stärken.
Was braucht es, damit solche Modelle funktionieren?
Rechtssicherheit und eine gute Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und öffentlicher Hand.
Ein Blick nach vorne: Welche Schwerpunkte setzen Sie bis 2029?
Ein Fokus liegt auf der Generation Z. Gemeinsam mit Studierenden haben wir untersucht, wie attraktiv Genossenschaften als Arbeitgeber sind. Viele junge Menschen suchen Sinn, Mitbestimmung und gesellschaftliche Verantwortung im wirtschaftlichen Handeln – all das bringen Genossenschaften bereits mit. Unser Ziel ist es, dieses Potenzial sichtbarer zu machen.
Zugleich beschäftigen wir uns mit Seniorengenossenschaften. In einer alternden Gesellschaft eröffnen sie neue Wege für gegenseitige Unterstützung und selbstbestimmtes Altern – eine Verbindung von sozialer Innovation und bürgerschaftlichem Engagement.
Also Genossenschaften für Jung und Alt?
Genossenschaften sind im Kern generationenübergreifend. Sie schaffen Strukturen, in denen Menschen unabhängig vom Alter gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Welche weiteren Impulse setzen Sie, um Genossenschaften strukturell zu stärken und ihre Wirkung sichtbarer zu machen?
In der Aus- und Weiterbildung setzen wir in Programmen wie „AgriLead“ und praxisnahen Exkursionen gemeinsam mit den Verbänden gezielte Impulse für Nachwuchs- und Führungskräfte. Zugleich kooperieren wir seit Ende 2024 mit internationalen Partnern im EU-Projekt „ASSETS“. Dabei entwickeln wir Instrumente, um die Wirkung von Genossenschaften besser messbar und öffentlich sichtbar zu machen. Unser Ziel ist es, mit international anschlussfähiger Forschung und starkem regionalem Wissenstransfer dazu beizutragen, dass Genossenschaften in Südtirol auch künftig Antworten auf zentrale gesellschaftliche Herausforderungen liefern.
Dieser Artikel wurde in der Tageszeitung Dolomiten veröffentlicht.
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