Biohybride Pflanzen: unibz entwickelt „Superpflanzen“ für eine bessere Umwelt
Von Redaktion
Grüne Technologien werden vielfach mit Solarpaneelen, energieeffizienten Gebäuden oder Elektrofahrzeugen assoziiert. Doch auch Pflanzen könnten Teil dieser technologischen Lösungen werden. Den Weg dazu ebnet ein Forschungsteam an der Fakultät für Ingenieurwesen der Freien Universität Bozen. In Zusammenarbeit mit anderen Forschenden der Universität sowie internationalen Forschungszentren haben sie die erste vollständig biohybride Pflanze entwickelt. Durch das Einbringen von Nanopartikeln direkt in die Pflanze konnten das Forschungsteam deren Fähigkeit zur Aufnahme von Sonnenlicht steigern, ihr Wachstum fördern und damit den Weg für zahlreiche Anwendungen ebnen – von der Bindung von CO₂ aus der Atmosphäre bis hin zur Erzeugung von Bioenergie.
Doch was genau ist eine biohybride Pflanze? Dabei handelt es sich um einen lebenden Organismus, in dem biologische Elemente, also die Pflanze selbst, mit technologischen Komponenten wie etwa leitfähigen Materialien kombiniert werden. So entsteht ein Hybrid aus Natur und Technologie, bei dem natürliche Funktionen der Pflanze wie Photosynthese, Wachstum oder Reizempfindlichkeit durch ingenieurtechnisch entwickelte Elemente ergänzt oder verstärkt werden.
Als biologisches Element nutzten die Forschenden der unibz in der Studie Pflanzen der Art Arabidopsis thaliana, die in der Pflanzenforschung breite Anwendung findet. Die technologische Komponente bestand aus Nanopartikeln aus dem organischen Polymer P3HT. Dabei handelt es sich um eine lange Kette aus vielen kleinen, sich wiederholenden molekularen Einheiten mit Kohlenstoffatomen, deren Struktur mit einer Perlenkette vergleichbar ist. Dieses Material ist elektrisch leitfähig und wird bereits für die Entwicklung flexibler Solarzellen sowie für Anwendungen der sogenannten grünen Elektronik erforscht. Aufgrund ihrer extrem geringen Größe – etwa 500-mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares – können die Nanopartikel von den Pflanzenwurzeln aufgenommen und bis in die Blätter transportiert werden.
Wie die Studie zeigt, werden die biokompatiblen Nanopartikel von den Pflanzen auf natürliche Weise aufgenommen, ohne das Wachstum zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Sie verbessern die Eigenschaften der Pflanzen, indem sie deren Wachstum und Photosynthese fördern. Sobald sie die Blätter erreichen, wirken die P3HT-Nanopartikel wie winzige Antennen, die auch grünes Licht absorbieren können. Da Pflanzen sonst hauptsächlich rotes und blaues Licht nutzen, verbessert sich dadurch ihre Fähigkeit zur Lichtaufnahme. Die zusätzliche Energie steigert die Photosynthese, was einerseits zu einer höheren CO₂-Aufnahme aus der Atmosphäre und andererseits zu stärkerem Pflanzenwachstum führt. Die Studie zeigt, dass mit P3HT-Nanopartikeln behandelte Pflanzen deutlich stärker wachsen als die Kontrollpflanzen. Sie entwickeln fast doppelt so lange Wurzeln und bilden mehr Biomasse.
„Diese Studie stellt das erste Beispiel einer biohybriden Pflanze dar, die durch das direkte Einbringen von P3HT-Nanopartikeln in die Pflanze selbst erzeugt wurde. In früheren Arbeiten wurde jeweils nur ein Teil der Pflanze – etwa ein Blatt oder die Wurzeln – mit künstlichen Komponenten verbunden“, erklärt Manuela Ciocca, Erstautorin und Initiatorin der Studie. „Diese Technologie eröffnet zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, da sie es erlaubt, die Eigenschaften pflanzlicher Organismen zu verändern, ohne deren DNA zu modifizieren, und Organismen mit verbesserten Eigenschaften zu schaffen. Die Einsatzfelder sind sehr vielfältig – von nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zu erneuerbaren Energien: Diese Pflanzen können mehr CO₂ binden, mehr Sauerstoff produzieren und zu den grünen Energiesystemen der Zukunft beitragen“, so Ciocca.
Die Studie wurde vom Sensing Technologies Lab der unibz unter der Leitung von Professorin Luisa Petti durchgeführt, in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften, dem Kompetenzzentrum für Pflanzengesundheit sowie der Forschungsgruppe PRIME (Printable Materials for Sustainable Optoelectronics & Photonics) der unibz. Weitere Partner waren die Fondazione Bruno Kessler, Eurac Research, die Ludwig-Maximilians-Universität München, das Istituto dei Materiali per l’Elettronica e il Magnetismo (IMEM) des Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR) sowie Elettra Sincrotrone Trieste.
Der wissenschaftliche Artikel mit dem Titel „Conjugated Polymer Nanoparticles Boosting Growth and Photosynthesis in Biohybrid Plants“ (Nanopartikel konjugierter Polymere zur Steigerung von Wachstum und Photosynthese in biohybriden Pflanzen, Anm. d. Red.) wurde als Titelgeschichte in der Fachzeitschrift Materials Horizons der Royal Society of Chemistry veröffentlicht und zudem in die Sammlung „Most Popular Articles 2025“ aufgenommen.
Related people: Manuela Ciocca, Luisa Petti