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"Ich wünsche mir noch mehr Wissenstransfer für Wirtschaft und Gesellschaft"

Was hat sich unibz-Präsident Federico Giudiceandrea für seine Amtszeit vorgenommen und wie beurteilt er bisher Erreichtes? Ein Interview mit dem ersten Unternehmer an der Universitätsspitze.

Von Susanne Pitro, Arturo Zilli

Federico Giudiceandrea, Präsident der unibz. Foto: unibz

Sie sind der erste Unternehmer, der dem Universitätsrat der unibz vorsteht. In welche Richtung möchten Sie Ihre Präsidentschaft ausrichten?

Ich denke, wir müssen das bisher Erreichte noch besser verankern. Es gibt bereits zahlreiche Kooperationen mit dem Territorium, mit wichtigen Stakeholdern, anderen Forschungseinrichtungen und auch mit großen Industrieunternehmen. Gleichzeitig besteht Südtirols Wirtschaft nicht nur aus Industrie, sondern auch aus Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Tourismus. Viele Branchen und gesellschaftliche Bereiche könnten noch stärker vom Wissen einer Universität profitieren. Mein Ziel ist es daher, den Wissenstransfer in das gesamte sozioökonomische System Südtirols weiter auszubauen. Und dazu hoffe ich, in den kommenden Jahren auch einen konkreten Beitrag leisten zu können.

Wenn wir auf die Geschichte der Universität zurückblicken, die bald drei Jahrzehnte umfasst: Haben Sie als Unternehmer von Beginn an zu den Unterstützern einer Südtiroler Universität gezählt?

Ja. Ende der Neunzigerjahre war ich bereits im Unternehmerverband aktiv und habe mich dafür eingesetzt, dass Südtirol eine eigene Universität bekommt. Seitdem habe ich die Entwicklung der unibz kontinuierlich und mit großem Interesse verfolgt.

Konnte diese Universität die Erwartungen von Südtirols Wirtschaft erfüllen?

Mittlerweile schon zu einem großen Teil. Zu Beginn waren wir nicht ganz so zufrieden, doch wir hatten natürlich auch Verständnis dafür, dass eine solche Entwicklung Zeit braucht. Gleichzeitig hatte die lokale Wirtschaft die Möglichkeit, diesen Prozess mitzugestalten, nicht zuletzt, weil auch immer eine Vertretung der Wirtschaft im Universitätsrat saß. Auf diese Weise konnte der Ausbau in Richtung angewandter Technologien konkret vorangetrieben werden. Aus Sicht eines Unternehmers fällt die Bilanz also heute positiv aus.

Wie würden Sie das Profil der Universität heute beschreiben?

Ich sehe eine Universität mit einem klaren Profil im Bereich der angewandten Wissenschaften. Die unibz ist keine klassische Volluniversität, sondern konzentriert sich auf Bereiche, die eng mit der Realität und den Bedürfnissen des Territoriums verbunden sind – Ingenieurwesen, Agrarwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Bildungswissenschaften sowie Design und Künste, die ebenfalls eine stark angewandte Dimension haben. Ich würde sagen, diese Ausrichtung passt gut zu den Prioritäten unserer Provinz. Strategisch wichtig ist dabei insbesondere die Fakultät für Bildungswissenschaften: Die Ausbildung von Pädagog:innen und Lehrkräften ist eine zentrale Aufgabe für Südtirol und kann nicht einfach ausgelagert werden. In diesen Bereich zu investieren, bedeutet auch, direkt in die Zukunft der nächsten Generationen zu investieren.

Sie sind nicht nur der erste Unternehmer an der Spitze der unibz, sondern auch der erste Italiener in diesem Amt. Hat das für Sie eine besondere Bedeutung?

Ich bin sicher – oder hoffe zumindest –, dass meine Wahl nicht durch meine ethnische Zugehörigkeit bestimmt wurde. Ich bin Südtiroler und habe deutsche Schulen besucht, deshalb fühle ich mich auch im Deutschen zuhause. Ich liebe diese Provinz, weil sie mir viel gegeben hat und weil sie, wie ich oft sage, ein fruchtbarer Boden ist – auch für die Gründung eines Unternehmens wie Microtec. Wenn ich dieses Amt übernommen habe, dann sicher nicht aus ethnischen Gründen, sondern weil ich diesem Land, dem ich viel verdanke, auch etwas zurückgeben möchte.

Wie beurteilen Sie als mehrsprachiger Südtiroler das Modell der Dreisprachigkeit an der unibz?

Mehrsprachigkeit ist ein zentrales Alleinstellungsmerkmal Südtirols. Wir liegen an der Schnittstelle zwischen dem deutschen und dem italienischen Sprachraum, und die Beherrschung beider Sprachen ist sowohl persönlich als auch wirtschaftlich ein großer Vorteil. Eine Universität kann und muss diesen Wert weiter stärken und ein Motor für echte Mehrsprachigkeit sein. Für mich ist klar: Dieses besondere Merkmal sollten wir unbedingt bewahren und weiterentwickeln.

Auch wenn insbesondere in technischen Disziplinen wie dem Ingenieurwesen die sprachlichen Anforderungen potenzielle Studierende von außerhalb Südtirols abschrecken könnten?

Das dreisprachige Modell gehört zur Identität der unibz. Wer nicht bereit ist, eine zweite oder dritte Sprache zu lernen, kann sich auch für eine andere Universität entscheiden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Mehrsprachigkeit ist eine große Bereicherung – und auch beruflich ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Welche Rolle spielt in Ihrer Vision die Verbindung zum Territorium?

Eine entscheidende. In unserer unmittelbaren Umgebung gibt es starke Universitäten wie Trient oder Innsbruck, die teilweise auch ein breiteres Spektrum an nicht angewandten Disziplinen abdecken. Die unibz hingegen bewegt sich in einem sehr spezifischen Kontext: Der Alpenraum ist ein komplexes Gebiet, das maßgeschneiderte Lösungen erfordert – vom Ingenieurwesen über die Landwirtschaft bis hin zu wirtschaftlichen und organisatorischen Modellen. Auch die Bildung spielt In einer mehrsprachigen Region eine noch zentralere Rolle. In all diesen Bereichen kann die unibz einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung Südtirols leisten.

Seit den Anfängen der Universität gibt es eine Debatte: Soll sie vor allem dem lokalen Kontext dienen oder sich international ausrichten?

Ich denke, es braucht eine gute Balance. Natürlich kann man sich nicht nur auf das Lokale beziehen – wir brauchen auch Impulse von außen. Ich sehe die Universität wie eine Art Antenne, die das Wissen der Welt nach Südtirol bringt. Das bedeutet: Wir müssen international vernetzt sein, doch der Fokus der angewandten Forschung sollte auf dem Territorium liegen. Internationale Netzwerke ermöglichen es, neues Wissen zu gewinnen und anschließend zu prüfen, was davon für den lokalen Kontext relevant ist.

Mit anderen Worten: Es geht darum, regionale Verankerung und globale Perspektiven miteinander zu verbinden. In vielen Bereichen passiert das bereits – nicht nur im Ingenieurwesen, sondern auch in Design, Agrarwissenschaften oder Wirtschaft. Die Universität arbeitet an Themen, die eng mit den Bedürfnissen des Landes verbunden sind – von Produktionsprozessen über die Strukturen familiengeführter Unternehmen bis hin zu Fragen der Innovation. In diesem Sinne ist Südtirol tatsächlich eine hervorragende Spielwiese für Wissenschaft.

Warum?

Weil wir klein sind, weil Entscheidungswege oft kürzer sind und weil unsere Wirtschaft stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt ist, die meist flexibler reagieren können. Das erleichtert es, neue Technologien und Ideen einzuführen und zu testen. All dies ist Teil der wirtschaftlichen DNA unseres Landes. Viele Südtiroler Unternehmen haben starke lokale Wurzeln und sind gleichzeitig international erfolgreich.

Kommen wir zu Ihrem Mandat: Welche Prioritäten sehen Sie für die kommenden vier Jahre?

Zunächst möchte ich alle Bereiche der Universität noch besser kennenlernen. Die Fakultät für Ingenieurwesen ist relativ jung und verfügt über großes Potenzial; sie muss ihr Profil und ihre Mission noch weiter schärfen. Die Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften wirkt bereits sehr gefestigt und ist stark mit dem Territorium verbunden, ähnlich wie Wirtschaft sowie Design und Künste. Die Fakultät für Bildungswissenschaften kenne ich bislang weniger gut. Sie möchte ich mir daher besonders genau anschauen.

Welche Strategie schwebt Ihnen nach dieser Kennenlernphase vor?

Für eine Universität unserer Größe ist es sinnvoll, in ausgewählten Bereichen gezielt auf Exzellenz zu setzen. Südtirol bietet einige sehr interessante thematische Nischen: den Alpenraum, spezifische Produktionsmodelle, besondere Unternehmensstrukturen und natürlich die Mehrsprachigkeit. Wenn es der Universität gelingt, in diesen Bereichen besondere Kompetenzen und ein hohes wissenschaftliches Niveau aufzubauen, kann sie auch über die Grenzen des Landes hinaus sichtbar und wettbewerbsfähig sein.

Eine Universität ist aber auch mit Bürokratie und organisatorischer Komplexität verbunden. Wie gehen Sie damit um?

Das stimmt – es gibt auch eine sehr bürokratische Komponente. Gleichzeitig sehe ich viele Parallelen zur Unternehmensführung. Wenn mehrere hundert Menschen zusammenarbeiten, entstehen zwangsläufig komplexe Strukturen, verschiedene Ebenen und Dynamiken. Kommunikation wird schwieriger und es braucht eine klare strategische Ausrichtung. Ich hoffe, dass meine unternehmerische Erfahrung dabei helfen kann, solche Prozesse zu steuern und die Entwicklung der Universität konstruktiv zu begleiten.

Also denken Sie, dass ein erfahrener Unternehmer solche Dynamiken gut steuern kann?

Einen Zauberstab habe ich natürlich nicht und mir ist bewusst, dass es für viele dieser Herausforderungen keine unmittelbaren und einfachen Lösungen gibt. Aber ich bin es gewohnt, mich solchen Aufgaben zu stellen – und ich hoffe, dass diese Erfahrung auch in meiner neuen Rolle nützlich sein wird.

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