Neue Perspektiven für den Musikunterricht
By Martina Hofer
unibz: In Ihrem Fachbuch „Multiprofessioneller Musikunterricht“ (Hollitzer Verlag, 2026), legen Sie die neuesten Ergebnisse Ihres umfangreichen Forschungsprojekts vor. Welche zentralen Erkenntnisse präsentieren Sie darin?
Franka Luise Mayr: Die Studie zeigt, dass multiprofessioneller Musikunterricht unter bestimmten Bedingungen besondere Lern- und Erfahrungsräume eröffnet. Wenn Grundschulkinder über einen längeren Zeitraum von Lehrpersonen und Musikvermittler:innen begleitet werden, Instrumente eigenständig erkunden und selbst Musik gestalten, stärkt dies ihr Autonomie-, Zugehörigkeits- und Kompetenzerleben. Ebenso zentral ist die Zusammenarbeit der beteiligten Professionen. Pädagogische und künstlerische Perspektiven ergänzen sich nicht automatisch. Entscheidend sind eine kontextsensible Gestaltung, Flexibilität in Bezug auf Rollen und gemeinsame Reflexion. Dann kann multiprofessionelle Zusammenarbeit die beruflichen Handlungs- und Denkräume aller Beteiligten erweitern.
Was bedeutet das konkret für den Schulalltag?
Musik entsteht im Tun – durch Singen, Spielen, Hören, Erfinden und Gestalten. Für den Schulalltag bedeutet das: Musikunterricht lebt vom Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Kompetenzen – von Lehrpersonen, Musikvermittler:innen, Künstler:innen und den Kindern selbst. Planen, handeln und reflektieren sie gemeinsam, entsteht eine Vielfalt an Zugängen und Methoden, die eine einzelne Person kaum allein einbringen könnte. Musikunterricht wird dann zu einem gemeinsamen Gestaltungsraum.
In welchem Alter sind solche Erfahrungen für Kinder wichtig?
Gerade im Grundschulalter entwickeln Kinder grundlegende Beziehungen zur Musik. Sie erleben, ob Musik ihnen zugänglich ist und ob sie selbst musikalisch wirksam werden können. Da die Grundschule alle Kinder erreicht, trägt sie hier eine besondere Verantwortung dafür, dass Kinder Musik als Teil ihrer eigenen Welt erfahren können.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Schulautonomie und Mehrsprachigkeit?
Die Schulautonomie erleichtert Kooperationen mit außerschulischen Partner:innen, weil Schulen vieles selbst entscheiden können. Das verkürzt bürokratische Wege und erleichtert die Zusammenarbeit mit Musikschulen, Künstler:innen oder Kulturinstitutionen. Auch die Mehrsprachigkeit prägt den schulischen Alltag in Südtirol deutlich und bereichert das musikalische Repertoire – vom Son Cubano bis zu Gstanzln.
Die Studie hebt die Bedeutung von Instrumenten hervor. Welche Rolle spielt das aktive Musizieren für die Entwicklung von Kindern?
Instrumente faszinieren Kinder, weil sie unmittelbar zum Ausprobieren einladen. Wenn ein Kind einer Tuba oder Querflöte erstmals einen Ton entlockt, erlebt es Klang, Freude und Neugier – vor allem aber: „Ich kann etwas bewirken“. Dieses Erleben musikalischer Selbstwirksamkeit ist für die Entwicklung von Kindern besonders bedeutsam.
Sie identifizieren Sozialität, Variabilität und Teilgabe als zentrale Gestaltungsprinzipien. Welches wird im heutigen Musikunterricht noch zu wenig berücksichtigt?
Das Prinzip der Teilgabe. Kinder sollten nicht nur teilnehmen, sondern den Unterricht mit eigenen Ideen mitgestalten. Im Buch erzähle ich von einer Klasse, die während der Corona-Zeit den Popsong „Ohne Maske“ komponierte. Die Kinder griffen dabei ein Thema auf, das sie selbst beschäftigte. Genau darin liegt der Wert von Teilgabe: Musikunterricht wird anschlussfähiger und Kinder erleben, wie ihre Perspektiven musikalisch Gestalt annehmen. Kinder nehmen dann nicht nur am Unterricht teil, sondern gestalten ihn auf mit eigenen Ideen mit.
Welchen Herausforderungen begegnen Schulen und Musikvermittler:innen bei der Umsetzung multiprofessioneller Unterrichtsformen?
Die größte Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Arbeitsweisen und Erwartungen zusammenzubringen. Lehrpersonen bewegen sich innerhalb schulischer Logiken, Musik-vermittler:innen arbeiten oft stärker künstlerisch. Deshalb braucht es Zeit, gute Absprachen und die Bereitschaft, eigene Routinen zu hinterfragen. Diese Offenheit entstand vor allem dort, wo im gemeinsamen Musizieren eine besondere Grundlage für das weitere Miteinander gelegt wurde.
Gab es im Rahmen Ihrer Studie Erkenntnisse oder Beobachtungen, die Sie besonders über
rascht haben?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Junge, der bei der Abschlussaufführung allein eine kurze Melodie auf dem Klavier spielte. Danach schrieb er in das Projekttagebuch: „Mir ist vorgekommen, als ob niemand da war. Weil ich hab nur auf's Blatt geschaut.“ Dass ein so junges Kind den Kern einer ästhetischen Erfahrung – Konzentration und Versunkensein im Augenblick zugleich – so schlicht beschreiben konnte, hat mich sehr beeindruckt.
Welche Voraussetzungen müssen, geschaffen werden, damit multiprofessioneller Musik unterricht langfristig gelingen kann?
Entscheidend ist, dass aus punktuellem Engagement motivierter Einzelpersonen eine verlässliche Infrastruktur wird. Neben finanziellen und zeitlichen Ressourcen braucht es eine institutionelle Verankerung, die Kooperation, Aus- und Weiterbildung sowie Qualitätsentwicklung dauerhaft sichert. Fachliche Kompetenz und Motivation sind in Südtirol vorhanden – müssen aber besser gebündelt und koordiniert werden.
Was können andere Fächer von den Erfahrungen des multiprofessionellen Musikunterrichts lernen?
Sie können lernen, wie sich unterschiedliche professionelle Perspektiven ergänzen und neue Zugänge und Arbeitsweisen eröffnen. Fachliches Lernen, Beziehungsgestaltung und gemeinsame Verantwortung werden dabei zusammen gedacht. Davon profitieren Kinder, weil sie vielfältigere Zugänge zum Lernen erhalten, und Lehrende, weil sie ihre eigene Praxis weiterentwickeln.
Welche Empfehlungen geben Sie Lehrpersonen, die ihren Musikunterricht stärker partizipativ und kreativ gestalten möchten?
Partizipativer Musikunterricht beginnt oft dort, wo Lehrpersonen den eigenen Unterricht öffnen – für Kolleg:innen, Musikvermittler:innen, Kulturinstitutionen oder lokale Vereine. Es lohnt sich, sich zu vernetzen, Erfahrungen zu teilen, neue Konzertformate kennenzulernen und auszuprobieren, was zur eigenen Klasse passt. Wichtig ist auch, Kindern etwas zuzutrauen: Sie sollten sich ausprobieren, gestalten und auch Umwege oder Scheitern als Teil des Lernens erleben dürfen. Dafür brauchen sie Erwachsene,
die ihnen etwas zutrauen und sie gut begleiten.
Zur Person:
Franka Luise Mayr lehrt und forscht an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen zu Musikalisch-Kultureller Bildung und Musikvermittlung. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Musik als sozialer und kultureller Praxis sowie mit Formen der Musikvermittlung an der Schnittstelle von Schulen, Kulturinstitutionen und außerschulischen Partner:innen.