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Freie Universität Bozen

Wie schnell setzt sich eine Idee durch? Alles eine Frage der Mathematik

Vertrauen, Mundpropaganda und globaler Einfluss: Eine Studie der unibz untersucht, welche Faktoren ausschlaggebend dafür sind, wie schnell eine Idee in der Praxis angenommen wird.

Von Redaktion

Persone collegate da delle linee.
Foto: KI-generiert.

Warum werden manche Ideen oder Praktiken schneller übernommen als andere? Eine Forschungsgruppe für mathematische Analysen an der Fakultät für Ingenieurwesen der Freien Universität Bozen ist dieser Frage nachgegangen. Dabei ging es nicht nur um abstrakte Ideen, sondern um konkrete gesellschaftliche Themen, etwa: Wie schnell werden Impfungen, neue Technologien, soziale Verhaltensweisen oder Marktprodukte von der Bevölkerung akzeptiert und übernommen?

Die Neuheit der Studie liegt weniger in der Untersuchung der Ideenverbreitung – ein bereits vielfach erforschtes Thema – als vielmehr im methodischen Ansatz. Er berücksichtigt unterschiedliche Einflussmöglichkeiten, denen Menschen ausgesetzt sind. Die Forschenden konzentrierten sich auf drei zentrale Aspekte: Vertrauen bzw. Misstrauen zwischen Menschen, den globalen Einfluss von Werbung und Medien sowie Gruppeninteraktionen. Freundeskreis, Familie, Arbeitsplatz und Gemeinschaft können einen anderen „Druck“ erzeugen als das bloße Weitergeben von Informationen zwischen zwei Personen.

„Wir sind von zwischenmenschlichen Verbindungen ausgegangen, die positiv (Vertrauen) oder negativ (Misstrauen) sein können, sowie von Gruppendynamiken“, erklärt Nicola Cinardi, Erstautor der Studie und ehemaliger Forscher an der unibz. „Darauf aufbauend haben wir ein Modell entwickelt, mit dem wir im Durchschnitt beschreiben können, wie der Anteil der Personen wächst, die im Laufe der Zeit eine Idee übernehmen.“

Die Arbeit konzentrierte sich auf zwei Zeitpunkte der Übernahme: die Majority Adoption Time (MAT), also die Zeit, die benötigt wird, bis 51 Prozent der Bevölkerung eine Idee übernehmen, und die Almost-All Adoption Time (AAT), wenn die Übernahme 95 Prozent erreicht.

Die Ergebnisse zeigen: Misstrauen bremst die Verbreitung deutlich. Je größer das Misstrauen in einer Gesellschaft ist, desto länger dauert es, bis eine Idee von 51 Prozent bzw. gar 95 Prozent übernommen wird. Die Berechnungen zeigen außerdem, dass Gruppen eine wichtige Rolle spielen. Der „Druck“ von Freundeskreis, Familie oder Arbeitsumfeld kann die Übernahme beschleunigen – vor allem dann, wenn das Misstrauen gering ist. Ist das Misstrauen jedoch hoch, wirkt der Einfluss von Gruppen kaum noch. Dann wird der globale Einfluss, zum Beispiel durch Werbung oder Medien, zum wichtigsten Faktor, um die Übernahme zu beschleunigen.

Daraus kann man schließen, dass gespaltene und misstrauische Gesellschaften anfälliger für Akteure sind, die die globale Kommunikation kontrollieren – ein Mechanismus, der in gewisser Weise an das lateinische Motto divide et impera (teile und herrsche) erinnert. Zentral gesteuerte Botschaften und Medienkampagnen haben somit einen größeren Einfluss auf die Übernahme von Ideen und Praktiken als zwischenmenschliche Beziehungen.

„Unser Ziel ist es nicht, die Gesellschaft auf eine Formel zu reduzieren, sondern herauszufinden, welche Faktoren wirklich bestimmen, wie schnell eine Idee übernommen wird“, erklärt Prof.in Maria Letizia Bertotti, Leiterin der Forschungsgruppe und Koautorin der Studie. „Die Botschaft ist klar: Vertrauen sorgt dafür, dass sich Ideen von unten her schneller verbreiten. Wenn jedoch viel Misstrauen herrscht, wird der Einfluss von Medien und Werbung entscheidend. Solche Modelle helfen dabei, besser über Kommunikation, politische Maßnahmen und gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken.“

Die Studie mit dem Titel „Trust, distrust and higher-order interactions. What is needed for ideas adoption in a connected society“ (zu Deutsch: Vertrauen, Misstrauen und höherstufige Interaktionen. Was braucht es für die Übernahme von Ideen in einer vernetzten Gesellschaft) wurde in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Chaos, Solitons and Fractals veröffentlicht.