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Free University of Bozen-Bolzano

Culture Society

Gehen oder bleiben

Was lässt sich aus einem der schmerzhaftesten Kapitel der jüngeren Südtiroler Geschichte über Migration lernen? Jede Menge, verspricht ein Joint Projekt der unibz und der WU Wien.

By Susanne Pitro

Zweiseitiger Scan eines historischen, deutschsprachigen Verwaltungsdokuments („Stammbogen“) mit Schreibmaschinentext und handschriftlichen Einträgen, datiert 1940.
Im Staatsarchiv Bozen gibt es geschätzte 74.000 Optionsformulare mit detaillierten Informationen zu Optantinnen und Optanten. Fotos: Staatsarchiv Bozen

304 Millionen Menschen weltweit lebten 2024 in einem Land, in dem sie nicht geboren wurden. Das sind fast vier Prozent der Weltbevölkerung – und fast vier Mal so viele Menschen wie noch im Jahr 1960. Die Auswirkungen dieser wachsenden Migrationsbewegungen sind fixer Bestandteil des medialen und politischen Diskurses. Weniger verhandelt werden die Wurzeln dieses Phänomens: Was bewegt einen Menschen dazu, seine Heimat verlassen und was ermutigt ihn, auch unter widrigen Bedingungen, dazubleiben? Neue Perspektiven auf diese Frage soll eine der größten Zerreißproben der Südtiroler Geschichte liefern: die Option.

In einem österreichisch-italienischen Forschungsprojekt sind dabei nicht etwa Historiker am Werk, sondern zwei Volkswirtschaftsprofessoren: Steven Stillman von der Freien Universität Bozen sowie Martin Halla von der WU Wien nutzen für dieses bilaterale Joint Project Forschungsgelder des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und der Provinz Bozen. „Aus ökonomischer Perspektive stellt die Option ein historisch einzigartiges reales Migrations-Experiment dar,“, sagt Steven Stillman. Das Thema Migration beschäftigt den Arbeitsmarktökonomen in seiner Forschung schon lange. Er untersuchte unter anderem das langfristige Wohlergehen von Zugewanderten, die ihre Aufenthaltsgenehmigung über Lotterien erhielten, analysierte, wie das politische Klima in Aufnahmeländern die Integration beeinflusst oder welche Auswirkungen Migration auf den Arbeitsmarkt hat – für Einheimische wie Zugewanderte. Die 1939 von Hitler und Mussolini erzwungene Entscheidung, entweder ins Deutsche Reich auszuwandern oder ohne Schutz der eigenen Sprache und Kultur im faschistischen Italien zu bleiben, ist für den Ökonomen gerade wegen ihrer starken kulturellen Komponente besonders interessant. „Auswandernde stehen immer vor der Entscheidung, etwas Vertrautes aufzugeben, um an einen neuen Ort zu gehen, an dem der Ausgang völlig ungewiss ist. Genau dieses Spannungsfeld und die Frage, wie kulturelle Faktoren und soziale Netzwerke die Entscheidung beeinflussen, macht die Option zu einem so ergiebigen Forschungsfeld“, sagt Steven Stillmann.

Erst recht, weil es einen wahren Schatz an Mikrodaten dazu gibt. Im Staatsarchiv Bozen gibt es geschätzte 74.000 Optionsformulare mit detaillierten Informationen zu Optantinnen und Optanten. „Jeder, der sich dafür entschied, ins Deutsche Reich auszuwandern, musste ein umfangreiches Formular ausfüllen, in dem sich jede Menge wertvolle Informationen für uns finden“, sagt Steven Stillman. Ausführliche soziodemografische Daten aller Haushaltsmitglieder, Vermögenserklärungen, Staatsbürgerschaft der Eltern, frühere Migrationserfahrungen, Militärdienste, Strafen und anhängige Strafverfahren, chronische Krankheiten, aber beispielsweise auch die Informationen, ob Optanten tatsächlich auswanderten oder später einen Rückwanderungsantrag stellten: ein Archiv voller Geschichten, auf das der US-amerikanische Professor über eine Bachelorabsolventin der unibz stieß. Die Meranerin Alexia Lochmann setzte sich in ihrem Forschungsdoktorat an der Paris School of Economics mit der Option auseinander und digitalisierte in diesem Zuge händisch die ersten 2388 Akten. Als Stillman dann zum externen Prüfer für ihr Doktorat berufen wurde, kam das heutige Projekt ins Rollen.

Noch steht das Forschungsteam, das auf Seiten der unibz durch den Ökonomen Alexander Moradi unterstützt wird, am Beginn seines ambitiöses Vorhaben. Bisher wurden bereits mehr als 8000 weitere Optionsanträge digitalisiert, womit man bereits bei 12 Prozent des Bestands ist. Im Laufe des Projekts sollen die verbleibenden 62.000 Akten folgen. Ein aufwändiger Prozess, der aber nicht nur für die Ergebnisse des Forschungsprojekts ausschlaggebend ist, sondern auch der Allgemeinheit zugutekommt. „Durch die Digitalisierung der Akten können wir diese wertvollen Informationen besser für die Nachwelt erhalten und sie anderen Forschenden und der Bevölkerung zugänglich machen“, sagt der Wirtschaftsprofessor der Freien Universität Bozen. Um diesen Zugang möglichst unkompliziert zu gestalten, soll ein Abkommen mit dem Staatsarchiv Bozen geschlossen werden.

Was aber machen die beiden Wissenschaftler nun mit all den historischen Informationen? Das, was empirische Ökonomen besonders gut können: Sie in Regressionsanalyen untereinander und mit aktuellen Daten in Beziehung zu setzen, um möglichst viele Erkenntnisse daraus zu ziehen. Allen voran zu der Frage, welche Faktoren für Optanten dafür ausschlaggebend waren, sich für die Auswanderung zu entscheiden. In einem ersten Forschungsstrang wollen sich Stillman und Halla dabei vor allem der Rolle kultureller Identität und sozialer Netzwerk widmen. Dank der Daten aus den Anträgen kann beispielsweise genau nachverfolgt werden, wie viele Menschen in der Nachbarschaft oder innerhalb der Familie im Laufe der Monate optiert und ausgewandert sind und welchen Einfluss das auf ihre Umgebung hatte. Eine wichtige Rolle spielt laut Stillman auch der Besitz: Beeinflusste ein eigener Hof die Entscheidung, nicht zu optieren? Oder bildete auch das Auswandern von Nachbarn einen Reiz dazubleiben, weil weiteres Land günstig erworben werden konnten? Selbst die Unterschriften der Beamten unter den Optionsanträgen werden von den Wissenschaftlern in ihre Analysen miteinbezogen. „Laut einer ersten Analyse machte es einen Unterschied, wer die Menschen beim Ausfüllen der Formulare begleitete. Unsere Hypothese ist, dass sie unterschiedliche Informationen erhielten, die dann wiederum ihre Entscheidung beeinflussten, tatsächlich auszuwandern“, erklärt Stillman.

Mindestens vier Publikationen planen die Ökonomen im Rahmen des dreijährigen Projekts zu veröffentlichen. Ob Propaganda und die sogenannte „Sizilianische Legende“, laut der Dableiber nach Sizilien umgesiedelt würden, ob die deutsche oder italienische Namenswahl der Kinder oder der Grad, in der Ortsnamen italienisiert wurden: Vieles, das bereits zumindest teilweise historisch wie politisch aufgearbeitet wurde, wird in den kommenden Jahren zu Variablen in ökonomischen Analysen. Dabei wollen Stillman und Halla auch die langfristigen wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen dieser traumatischen Jahre in den jeweiligen Gemeinden untersuchen. Steht der Prozentsatz der Bevölkerung, die optierten und vielleicht auch tatsächlich auswanderten, in einem Zusammenhang mit dem späteren Einkommensniveau oder auch mit dem Grad der Zustimmung für rechtspatriotische Parteien wie die Freiheitlichen oder die Südtiroler Freiheit? Und welche Auswirkungen hatten die Entscheidungen und vor allem die Erfahrungen von Auswanderern auf die spätere touristische Entwicklung der jeweiligen Dörfer und Täler?

„Lange wurden in der Ökonomie Lohnunterscheide als wichtigster Treiber für internationale Migration gesehen“, sagt Stillman. Diese vereinfachte Sichtweise könne jedoch eine Reihe von Fakten nicht erklären – wie etwa, warum viele Menschen, die freien Zugang zu reicheren Arbeitsmärkten haben, dennoch nicht dorthin ziehen. Auch deshalb würde man sich in den letzten Jahren verstärkt nicht-monetären Aspekten der Migrationsentscheidungen zuwenden. Kulturelle Identitäten und soziale Netzwerke scheinen dabei laut dem unibz-Professor entscheidend für das Verständnis zu sein, seien aber oft schwierig zu messen und zu beobachten. Umso wertvoller sei das Erbe der Option, das ein in der Literatur einzigartiges Setting zu Kultur und Migration darstelle „Denn hier gab es zwei ganz klare Möglichkeiten mit einer starken kulturellen Identitätskomponente: den Verbleib im Heimatland mit höherer wirtschaftlicher Sicherheit, aber Verpflichtung zur kulturellen Assimilation, oder den Umzug an einen neuen Ort – mit geringerer wirtschaftlicher Sicherheit, aber dem Erhalt der kulturellen Identität.“ Die schwierigen Entscheidungen, die Südtirolerinnen und Südtiroler damals treffen mussten, werden nun dazu beitragen, auch heutige Migrationsphänomene noch besser zu begreifen.

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